Donnerstag, 6. November 2014

Was ist die DDR ohne Sozialismus? Deutschland!

Innensenator Frank Henkel war sehr bewegt als er in seiner gestrigen Begrüßungsrede zum "Historischen Gespräch am Wittenbergplatz" an die Ereignisse um den 9. November 1989 erinnerte. Was sich im historischen Rückblick so leicht anhöre, sei kein Spaziergang gewesen. Man solle sich ruhig noch einmal in die damalige Lage hineinversetzen. So gehe auch Ostalgie zu weit, wenn heutzutage Personen in Stasi-Uniformen an einem russischen Ehrenmal aufmarschieren.

Auf dem Podium hatten der damalige Kanzleramtsminister Dr. Rudolf Seiters und Prof. Manfred Wilke Platz genommen. Professor Wilke moderierte den Dialog. Als Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat präsentierte er dem Publikum sein umfangreiches Wissen. Wenn er etwas nicht wusste, fragte er Rudolf Seiters.

Rudolf Seiters als einer der bundesdeutschen Schlüsselfiguren der Wendezeit ist in der neuerlichen Geschichtsbetrachtung leider etwas in den Hintergrund gerückt. Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Bundeskanzler Helmut Kohl werden gerne als die Leitfiguren dargestellt, obwohl Seiters bei fast allen wichtigen Verhandlungen dabei war und auch in den Fernsehberichten dieser Zeit immer wieder in Erscheinung trat. Rudolf Seiters war der gute Schatten hinter den politischen Frontakteuren.

Kanzleramtsminister Rudolf Seiters CDU Landesgeschäftsstelle
Ehemaliger Kanzleramtsminister Rudolf Seiters beim "Historischen Gespräch" in der CDU Landesgeschäftsstelle
In der DDR konnte man mit der Position des Kanzleramtsministers oder eines Bundesministers für besondere Aufgaben nichts anfangen. Ein Außenminister kam dem SED-Regime besser gelegen, da dieser eine Zweistaaten-Situation suggerierte. Überhaupt war in den letzten Wochen des Jahres 1989 ein zunehmender Realitätsverlust der DDR-Politiker zu verzeichnen. Man war sich im Westen zwar einig, dass es von offizieller Seite aus nicht zum bürgerkriegsähnlichen Blutvergießen komme, aber hatte schon Bedenken, ob auch die untergeordneten Dienststellen die Nerven behalten. Was, wenn auch nur ein kleiner Grenzoffizier aus Anspannung das Feuer eröffnet? "Gott sei Dank", passierte das nicht.

Berlin galt als Zentrum der Geheimdienste. Dennoch habe es niemand von denen für möglich gehalten, dass die Mauer so schnell fällt. Militärisch war die Enklave Westberlin völlig unterlegen. Es standen dort 12.000 Briten, Amerikaner und Franzosen einem Heer von 250.000 im Umland stationierten Russen gegenüber.

Im Wendejahr stand die DDR kurz vor der Zahlungsunfähigkeit und hatte deshalb den benachbarten "Klassenfeind" um eine Finanzspritze von 15 Mrd. DM ersucht. Auch hier wurde zäh und mit klaren Bedingungen verhandelt. Alexander Schalck-Golodkowski war ständiger Gast bei Rudolf Seiters.

Kanzleramtsminister Rudolf Seiters CDU Landesgeschäftsstelle
Ehemaliger Kanzleramtsminister Rudolf Seiters beim "Historischen Gespräch" in der CDU Landesgeschäftsstelle
Der ehemalige Kanzleramtsminister plauderte über improvisierte Reden Kohls, die Einheitsstimmung in Dresden und den Tag des Mauerfalls. "Heute passiert nichts mehr", hatte er seinen Sekretär zum Kindergeburtstag verabschiedet und saß dann unter anderem mit dem heutigen Finanzminister Wolfgang Schäuble zusammen. Als die Nachricht vom Fall der Mauer überbracht wurde, sagte Schäuble nur, "Sie wissen doch, dass Alkoholtrinken während der Dienstzeit verboten ist". Der ehemalige Bundesminister für besondere Aufgaben konnte sich auch noch sehr gut an die Inhalte und die Dauer der Gespräche mit Erich Honnecker oder George Bush erinnern.

Der Mauerfall war nur der Anfang eines weiteren politischen und diplomatischen Ringens. Das 10-Punkte-Programm von Helmut Kohl traf auf ambivalente Befindlichkeiten. Größte Gegnerin der Wiedervereinigung war Margaret Thatcher, gefolgt von den Franzosen.

Kanzleramtsminister Rudolf Seiters CDU Landesgeschäftsstelle
Ehemaliger Kanzleramtsminister Rudolf Seiters und Andreas Eichler
Wir hätten den interessanten und durchaus humorvollen Insider-Episoden von Rudolf Seiters gerne weiter gelauscht. Jedoch wurde auch auf die sonst üblichen Publikumsfragen zugunsten des in historische Details versunkenen FU-Professors verzichtet. Die Zuhörer offenbarten dennoch ihre Geschichtskompetenz, als es um die Uhrzeit des Schabowski-Versprechers und den Tag der Öffnung des Brandenburger Tores ging. Neben den genauen Zeiten konnten auch die jeweiligen Aktivitäten zu diesen epochalen Momenten beschrieben werden.

Im Anschluss sprachen wir mit Rudolf Seiters und dankten ihm für seinen kompetenten Einsatz im Wiedervereinigungsprozess.

Autor: Matthias Baumann