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Montag, 1. Juni 2026

Alles über den Hohen Norden – lesenswerte Neuerscheinung des ZMSBw

Auch Lesern, die sich schon länger mit dem Hohen Norden beschäftigen, bietet das Taschenbuch „Wegweiser zur Geschichte– Hoher Norden“ auf seinen knapp 300 Seiten einen erheblichen Erkenntnisgewinn.


Die kurzen Kapitel sind von verschiedenen Autoren verfasst, lesen sich aber wie aus einer Feder. Der Reiz dabei ist, dass die Autoren die unterschiedlichen Aspekte der Arktis aus ihrer jeweiligen Perspektive beleuchten und der Leser damit ein gut ausdifferenziertes Lagebild erhält. Die Beiträge ergänzen und bestätigen sich. Durch gelegentliche Wiederholungen bleiben wichtige Themen und Daten noch besser haften.

Das Buch beginnt mit der spannenden Historie der arktischen Gebiete, geht auf die Bedeutung der Wikinger, die politischen Konstellationen, die Sprachen, die Ethnien, das Klima, die Geografie und die Tierwelt ein. Aufbauend auf diesem regionalen Grundverständnis steigen die Autoren immer tiefer in die Zusammenhänge von Wirtschaft, Forschung, Rohstoffen, Militär und geostrategischen Ambitionen ein. Ausführlich und gut verständlich werden völkerrechtliche Fragen wie die UN-Seerechtskonvention erklärt oder der Frage nachgegangen, ob sich die Nutzung der Nordost- oder der Nordwestpassage zwischen Atlantik und Pazifik wirtschaftlich überhaupt lohnt.

Das Buch wurde vom ZMSBw (Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr) herausgegeben.

Autor: Matthias Baumann

Freitag, 29. Mai 2026

Einfluss der Seemacht auf die Geschichte

Was der preußische Generalmajor Carl von Clausewitz für kontinentale Strategie, ist Konteradmiral Alfred Thayer Maher wohl für den maritimen Bereich. In seinem Buch „The Influence of Sea Power Upon History“ (Einfluss der Seemacht auf die Geschichte) analysiert er die Seeschlachten von 1660 bis 1783 und deren Einfluss auf das globale Kräfteverhältnis.


Die Hauptakteure sind England, Frankreich, Spanien, Niederlande und Nordamerika. Spanien wird als durchgängig schwach dargestellt und taucht immer nur als Verbündeter Frankreichs ohne eigenen Gestaltungswillen auf. Frankreich ist eine treibende Kraft der Landkriege in Europa und kann sich bei seinen territorialen Vorteilen nicht so recht entscheiden, ob es sich auf den Landkrieg konzentrieren oder eine globale Seemacht werden möchte. Ständige Wechsel in den europäischen Königshäusern und  innenpolitische Befindlichkeiten lähmen Frankreich und geben England die Möglichkeit, sich unabhängig zu entwickeln.

Auch in England gibt es innenpolitische Zerwürfnisse und hausgemachte Probleme, die die Marine schwächen. Frankreich schafft es dann erstaunlich schnell, genügend Schiffe zu produzieren, um es mit England aufzunehmen. Allerdings weist die Disziplin und die Einheit der französischen Offiziere erhebliche Schwachstellen auf, so dass manch eine leicht zu gewinnende Schlacht ohne die erhofften Ergebnisse endet. Da weigert sich der adelige Kapitän, den Kommandos des Admirals zu folgen und bringt die Kampflinie durcheinander oder driftet einfach weg. Interessant an den Ausführungen Mahers ist, dass es auch damals schon kritische Kriegsgerichte gab, die ungehorsame oder unfähige Kapitäne mit harten Strafen bis zum Tod belegt hatten.

Im Großen und Ganzen kann man die über 400 Seiten des Buches auf folgende Prinzipien eindampfen:

Wer die Seewege kontrolliert, kann produzieren, liefern, kommunizieren und globale Märkte nutzen.

Um zur See erfolgreich zu sein, bedarf es nach Maher sechs entscheidender Voraussetzungen:

1) geografische Position des Landes

2) physische Beschaffenheit des Landes

3) Ausbreitung des Territoriums

4) Bevölkerungsanzahl

5) nationale Eigenheiten

6) Kompetenz der Regierung

Länder ohne Meerzugang oder mit einem territorial ausgerichteten Blick sind als Seemacht ungeeignet. Die Niederlande und England sind Beispiele dafür, wie Länder ohne viel Landpotenzial durch globale Expansion ihre Möglichkeiten erweitert haben – und das sehr wertschöpfend.

Ein weltweites Agieren setzt aber auch eine große Flotte voraus, die aus Kriegsschiffen und Handelsschiffen besteht. Die Anlaufstellen sind oft weit auseinander und die Wege sollten möglichst ungehindert passiert werden können. Inseln auf dem Weg dienen als Versorgungsstützpunkte und zum Rückzug bei Bedrohungen. Wer keinen Zugriff auf solche Stützpunkte hat, kann trotz anfänglicher Überlegenheit empfindliche Verluste erleben, weil Nachschub und Regeneration fehlen.

Anhand verschiedener Fehler in den Kämpfen zwischen 1660 und 1783 zeigt sich, dass es sinnvoll ist, sich mit dem Gegner nicht an vielen kleinen Schauplätzen zu verzetteln, sondern deren Hauptflotte anzugreifen und zu vernichten. Dazu wird Entschlossenheit zum Angriff, taktische Flexibilität, gute Kommunikation zwischen den Kommandoebenen, Fernaufklärung der Bewegung feindlicher Verbände, ausreichend Verbrauchs- und Reparaturmaterial und mindestens Gleichstand bei Anzahl und Feuerkraft der Schiffe benötigt. Am verwundbarsten sind die Flotten, wenn sie im Hafen liegen. Neben dem Angriff auf Schiffe im Hafen, kommt noch die Blockade der Ausfahrt in Frage. Das haben die Engländer aber selten mit Frankreichs praktiziert, weil es kapazitiv sinnvoller war, die Langstrecken unterwegs abzuschneiden oder entfernte Häfen so zu besetzen, dass die Franzosen unterwegs keinen Ruhepunkt finden konnten. Ein strategisches Bonbon ist Gibraltar, das den Weg ins Mittelmeer kontrolliert und lange im Besitz Englands war. Malta, dass im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Rolle für die Briten gespielt hatte, wird vom Autor nur am Rande erwähnt.

Am Ende des Buches wird deutlich, dass die transatlantischen Beziehungen auch eine Frage der Seemacht sind. Während das europäische Engagement in Indien als abgekoppelt angesehen wird, muss der Atlantik mit seinen Gegenküsten in Europa, Afrika und Amerika als strategische Einheit betrachtet werden. Die Küsten sind nur durch Wasser verbunden und es müssen auf dem Weg keine Landhindernisse wie Afrika oder der Nahe Osten überwunden werden. Die gleiche geostrategische Situation bahnt sich übrigens in der Arktis an, wenn dort demnächst das Eis abgeschmolzen sein wird.

Autor: Matthias Baumann

Dienstag, 28. April 2026

Die Deutschen und die Atombombe

Der Titel „Die Deutschen und die Atombombe“ fasst das Buch sehr gut zusammen. Ob Sowjets, Amerikaner, Pakistan, Irak, Iran oder andere Staaten – Deutsche waren immer an deren Atomprogramm beteiligt. Zuerst waren es Wissenschaftler und Ingenieure, die Expertise geliefert hatten. Später waren es deutsche Firmen, die wichtige Teile liefern konnten. Die Ambitionen waren sehr unterschiedlich und gingen vom Forscherdrang über ideologische Triebkräfte bis hin zu wirtschaftlichen Interessen. Auch Spionage spielte eine große Rolle.

Der Autor beginnt in der Zeit des Zweiten Weltkriegs und führt den Leser auf unterhaltsame, flüssig geschriebene Weise durch die Entwicklung der letzten 90 Jahre. Da er selbst an wichtigen Schnittstellen der Sicherheitspolitik eingesetzt war und über ein entsprechend breites Netzwerk verfügt, bewegen sich die Schilderungen nicht im Bereich der Mutmaßung, sondern haben Hand und Fuß, sind in sich schlüssig und bieten dem geneigten Leser ein erhebliches Maß an Erkenntnisgewinn. Auch der Laie weiß nach dem lesen, wie sich das mit der Urananreicherung verhält, welche Rolle Plutonium spielt und wie wichtig die „Moderation“ des Kernspaltungsprozesses ist. Das Buch ist bis zum Ende spannend, da es ungeschönt die letzten 20 Jahre Regierungspolitik und deren eklatante Fehleinschätzungen seziert.

Das Buch muss auch die Generalität der Bundeswehr beeindruckt haben. Immerhin war es bei einer Tagung der Clausewitz-Gesellschaft empfohlen worden.

Autor: Matthias Baumann