Am Montag wurde der „Report GlobaleFlucht 2026“ in der Bundespressekonferenz vorgestellt. Prof. Dr. Petra Bendel
von der Universität Erlangen-Nürnber, Dr. Franck Düvell von der Universität
Osnabrück und Dr. Benjamin Etzold vom BICC – Bonn International Centre for
Conflict Studies gaben ihre Einschätzung zum globalen Fluchtgeschehen ab und
beantworteten die Fragen der Hauptstadtpresse.
Spannender jedoch als die
einstündige Pressekonferenz mit den Herausgebern ist der Bericht selbst. Er
umfasst etwa 300 Seiten und kann aufgrund seines angenehmen Schriftbildes und
der kurzen Kapitel relativ schnell durchgelesen werden.
Das durchgängige Gendern auf
Doppelpunkt:innen könnte den Leser zu der Annahme verleiten, dass der Bericht
eine einseitig politische Schlagseite bediene. Dem ist nicht so. Die Beiträge
sind weitestgehend nüchtern verfasst und wissenschaftlich fundiert. Durch
regelmäßige Wechsel von Teilaspekten, Regionen, Blickwinkeln und Schreibstilen
behält der Bericht bis zum Ende einen Spannungsbogen, der das vorzeitige
Weglegen des Buches verhindert.
Während im öffentlichen Diskurs auf
Messerkriminalität, Terrorismus, Sozialbetrug, Fachkräftemigration,
Entwicklungshilfe oder aggressives Demonstrationsgeschehen fokussiert wird, ist
Flucht eine viel komplexere Angelegenheit. Es ist durchaus sinnvoll, auch mal
in den Kaukasus, nach Südafrika, in die Türkei, auf die Arbeit von Hilfsorganisationen,
die Gesetzeslage, die Binnenflucht, regionale Besonderheiten, die Erderwärmung
oder die Herausforderungen von Zielländern zu schauen. Der Bericht liefert
genau dieses umfassende Bild. Damit stellt er eine gut informierende, wertvolle
Lektüre dar, die die persönliche Einstellung untermauern, erweitern, prüfen
oder nachjustieren kann.
Neben dem Mythos, dass Deutschland
weltweit die meisten Geflüchteten aufgenommen habe, räumt der Bericht auch mit
dem Mythos auf, dass der Klimawandel ein maßgeblicher Fluchtgrund sei. In
mehreren Beiträgen wird untersucht und bestätigt, dass der Klimawandel nur als ein kleiner Hebel in Ergänzung zu anderen Gründen wie Krieg und Vertreibung fungiert.
Zwei Drittel aller Fluchtbewegungen finden innerhalb eines Landes statt. Diese Binnenflucht kann auch temporär erfolgen, wenn beispielsweise Wirbelstrürme oder Überschwemmungen eingetreten waren. Dem gegenüber haben etwa 40 Millionen Menschen im Jahr 2025 tatsächlich die Grenzen
ihres Landes überschritten. Menschen aus Süd- und Zentralamerika ziehen nach Norden und bleiben derzeit in Mexiko stecken. Menschen aus Zentralafrika ziehen in Richtung
Südafrika. Menschen aus der Sahelzone und Nordafrika nehmen die Routen über
Ägypten in die Türkei. Auch Marokkaner, Palästinenser und Afghanen begeben sich
oft in die Türkei, um von dort über Griechenland in die EU zu gelangen. Viele
stranden aber auch unterwegs und bleiben in Ägypten, Jordanien oder der Türkei.
Das belastet die Zielländer enorm, da selten entsprechende Aufnahmekonzepte
existieren.
Weltweit ist zu beobachten, dass die
Hilfsbereitschaft sinkt. Oftmals gehen die Menschen wieder in ihre Heimatländer
zurück, weil die Bedingungen in den Zufluchtsländern noch schlechter und
aussichtsloser geworden sind als in ihrer Heimat. In kaum einem Land dürfen
Geflüchtete arbeiten. Das verschärft innerhalb der aufnehmenden Gesellschaft den
Eindruck der sozialen Ungerechtigkeit. Auch in Deutschland und der EU gibt es
kein belastbares Konzept. Es gibt keine Risikobewertung und keine
Exit-Strategie. Deshalb doktert die Politik seit Jahren unkoordiniert an den Symptomen herum, während Probleme verklärt, geschönt, kleingeredet, negiert oder tabuisiert
werden. Das Ergebnis sind gesellschaftliche Spannungen und eine ablehnende
Haltung gegenüber den Menschen, die Hilfe und Zuflucht suchen. Das Beispiel
Südafrika zeigt allerdings, dass Konzepte und eine entsprechende Gesetzeslage letztlich
auch nur so gut sind, wie ihre tatsächliche Umsetzung. In Südafrika ist ein neuer Rassismus entbrannt: von einheimischen Schwarzen gegenüber zugewanderten Schwarzen.
Das wird „Afrophobie“ genannt.
Wünschenswert wäre deshalb gewesen,
dass der Bericht mehr auf die Bestandsgesellschaften der Ziel- und Transitländer
eingeht. Es werden zwar ablehnende Haltungen und Maßnahmen zur Verminderung der
Migrationsströme aufgezeigt, aber nur wenige Ansätze geliefert, wie das Thema
Flucht eine breite Akzeptanz bei den Gastgebern gewinnen kann.
Autor: Matthias Baumann