Was der preußische Generalmajor Carl
von Clausewitz für kontinentale Strategie, ist Konteradmiral Alfred Thayer
Maher wohl für den maritimen Bereich. In seinem Buch „The Influence of Sea
Power Upon History“ (Einfluss der Seemacht auf die Geschichte) analysiert er
die Seeschlachten von 1660 bis 1783 und deren Einfluss auf das globale
Kräfteverhältnis.
Die Hauptakteure sind England,
Frankreich, Spanien, Niederlande und Nordamerika. Spanien wird als durchgängig
schwach dargestellt und taucht immer nur als Verbündeter Frankreichs ohne
eigenen Gestaltungswillen auf. Frankreich ist eine treibende Kraft der
Landkriege in Europa und kann sich bei seinen territorialen Vorteilen nicht so
recht entscheiden, ob es sich auf den Landkrieg konzentrieren oder eine globale
Seemacht werden möchte. Ständige Wechsel in den europäischen Königshäusern
und innenpolitische Befindlichkeiten lähmen
Frankreich und geben England die Möglichkeit, sich unabhängig zu entwickeln.
Auch in England gibt es
innenpolitische Zerwürfnisse und hausgemachte Probleme, die die Marine
schwächen. Frankreich schafft es dann erstaunlich schnell, genügend Schiffe zu
produzieren, um es mit England aufzunehmen. Allerdings weist die Disziplin und
die Einheit der französischen Offiziere erhebliche Schwachstellen auf, so dass
manch eine leicht zu gewinnende Schlacht ohne die erhofften Ergebnisse endet. Da
weigert sich der adelige Kapitän, den Kommandos des Admirals zu folgen und
bringt die Kampflinie durcheinander oder driftet einfach weg. Interessant an
den Ausführungen Mahers ist, dass es auch damals schon kritische Kriegsgerichte
gab, die ungehorsame oder unfähige Kapitäne mit harten Strafen bis zum Tod
belegt hatten.
Im Großen und Ganzen kann man die über
400 Seiten des Buches auf folgende Prinzipien eindampfen:
Wer die Seewege kontrolliert, kann
produzieren, liefern, kommunizieren und globale Märkte nutzen.
Um zur See erfolgreich zu sein,
bedarf es nach Maher sechs entscheidender Voraussetzungen:
1) geografische Position des Landes
2) physische Beschaffenheit des
Landes
3) Ausbreitung des Territoriums
4) Bevölkerungsanzahl
5) nationale Eigenheiten
6) Kompetenz der Regierung
Länder ohne Meerzugang oder mit
einem territorial ausgerichteten Blick sind als Seemacht ungeeignet. Die Niederlande
und England sind Beispiele dafür, wie Länder ohne viel Landpotenzial durch
globale Expansion ihre Möglichkeiten erweitert haben – und das sehr
wertschöpfend.
Ein weltweites Agieren setzt aber
auch eine große Flotte voraus, die aus Kriegsschiffen und Handelsschiffen
besteht. Die Anlaufstellen sind oft weit auseinander und die Wege sollten
möglichst ungehindert passiert werden können. Inseln auf dem Weg dienen als
Versorgungsstützpunkte und zum Rückzug bei Bedrohungen. Wer keinen Zugriff auf
solche Stützpunkte hat, kann trotz anfänglicher Überlegenheit empfindliche
Verluste erleben, weil Nachschub und Regeneration fehlen.
Anhand verschiedener Fehler in den
Kämpfen zwischen 1660 und 1783 zeigt sich, dass es sinnvoll ist, sich mit dem Gegner
nicht an vielen kleinen Schauplätzen zu verzetteln, sondern deren Hauptflotte
anzugreifen und zu vernichten. Dazu wird Entschlossenheit zum Angriff, taktische
Flexibilität, gute Kommunikation zwischen den Kommandoebenen, Fernaufklärung der
Bewegung feindlicher Verbände, ausreichend Verbrauchs- und Reparaturmaterial
und mindestens Gleichstand bei Anzahl und Feuerkraft der Schiffe benötigt. Am
verwundbarsten sind die Flotten, wenn sie im Hafen liegen. Neben dem Angriff auf
Schiffe im Hafen, kommt noch die Blockade der Ausfahrt in Frage. Das haben die
Engländer aber selten mit Frankreichs praktiziert, weil es kapazitiv sinnvoller
war, die Langstrecken unterwegs abzuschneiden oder entfernte Häfen so zu
besetzen, dass die Franzosen unterwegs keinen Ruhepunkt finden konnten. Ein
strategisches Bonbon ist Gibraltar, das den Weg ins Mittelmeer kontrolliert und
lange im Besitz Englands war. Malta, dass im Zweiten Weltkrieg eine wichtige
Rolle für die Briten gespielt hatte, wird vom Autor nur am Rande erwähnt.
Am Ende des Buches wird deutlich,
dass die transatlantischen Beziehungen auch eine Frage der Seemacht sind.
Während das europäische Engagement in Indien als abgekoppelt angesehen wird,
muss der Atlantik mit seinen Gegenküsten in Europa, Afrika und Amerika als
strategische Einheit betrachtet werden. Die Küsten sind nur durch Wasser
verbunden und es müssen auf dem Weg keine Landhindernisse wie Afrika oder der
Nahe Osten überwunden werden. Die gleiche geostrategische Situation bahnt sich übrigens in der Arktis an, wenn dort demnächst das Eis abgeschmolzen sein wird.
Autor: Matthias Baumann