In "Kriegsschauplatz Deutschland: Erfahrungen und Erkenntnisse eines NVA-Offiziers" erklärt ein ehemaliger Oberst der NVA die Strategien des Warschauer Vertrages bis Ende der 1980er Jahre. Der Autor, Siegfried Lautsch, wurde später in die Bundeswehr übernommen. Bis 1985 hatte der Warschauer Vertrag unter strikter Führung sowjetischer Befehlshaber eine äußerst aggressive Vorstellung von der Übernahme Westeuropas. Ein tatsächlicher oder vermuteter Angriff der NATO diente wohl eher als Feigenblatt zur Durchführung der eigenen Übernahmegelüste.
Detailreich geht das Buch auf Stoßrichtungen, geografische Besonderheiten, Planungen, Hindernisse und Kräfteverhältnisse ein. Interessant ist, dass Nuklearsprengköpfe neben Artillerie und Kampfhubschraubern fester Bestandteil der Kampfhandlungen sein sollten. Überhaupt verfolgte man das Ziel, einen schnellen und brachialen Sieg zu erringen, bei dem die Verwüstungen in Westeuropa keine Rolle zu spielen schienen. Das änderte sich erst 1985, als der Warschauer Vertrag feststellen musste, dass sich das Kräfteverhältnis so entwickelt hatte, dass ein Sieg durch Angriff unwahrscheinlich geworden war. Von da an stellte man sich auf Verteidigung ein. Für ehemalige DDR-Bürger und Norddeutsche dürfte der zweite Teil des Buches besonders interessant sein, weil dort konkrete Orts- und Geländeangaben zu den Stoßrichtungen und Verteidigungslinien der 5. Armee der NVA gemacht werden. Auch auf der A24, der nördlichen A7 oder der A2 kann man nach Lesen des Buches kaum noch unterwegs sein, ohne an diesen vorgeplanten Konflikt zu denken: Wittenberge, Lauenburg, Nienburg, Magdeburg, Lüneburg – all diese Orte waren in den Plan eingebunden.
Zur Auflockerung wird in der Mitte ein Kapitel über die Stasi-Erfahrungen mit Telefonwanzen, Bespitzelung durch Nachbarn und finaler Versetzungsintrige eingeschoben. Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass Siegried Lautsch ein militärischer Handwerker war, der politische Dinge eher als lästiges Beiwerk ansah.
Das Buch wurde 2013 durch das ZMSBw (Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften) herausgegeben
Autor: Matthias Baumann
