Gestern Abend wurde in der Humboldt-Bibliothek in Tegel ein
Buch vorgestellt, das für viele Nordberliner interessant sein dürfte.
Die Autoren, Hauptmann a.D. Ernst Schüßling und Oberst a.D.
Andreas von Studnitz, waren viele Jahre in der Julius-Leber-Kaserne tätig und
hatten Zugang zu hochwertigem geschichtlichen Material sowie zu Zeitzeugen, die
mit Begeisterung weitere Informationen, Fotos und historische Gegenstände zur
verfügung stellten. Einige davon sind in der Militärhistorischen Sammlung beim
Landeskommando Berlin zu bestaunen.
Auf über 100 Seiten kann nun auch der geneigte Leser an
diesem Wissen teilhaben und erfährt, „Wie das Militär den Norden Berlins für
sich entdeckte“.
Es beginnt bei den leicht bewaldeten Rehbergen, die um 1826 als
natürlicher Schießstand für Handwaffen genutzt wurden. Bei der Suche nach
Übungsplätzen für weitreichende Systeme wie Artillerie fiel der Blick ebenfalls auf die Rehberge und man baute das Gelände weiter aus. Der besondere Charme
lag darin, dass sich weit und breit keine Ortschaften befanden und Reinickendorf
tatsächlich noch ein kleines Dorf war.
Mit der aufkommenden Fliegerei wurde das Gelände einer
Doppelnutzung zugeführt, so dass sich Luftschifffahrt und Artillerie abwechseln
mussten. Teilweise wurde sogar aus der Luft beobachtet, wie die Artillerie
in verschiedenen taktischen Szenarien wirkt. Sehr spannend sind die Schilderungen zu ersten Selbstversuchen von Wissenschaftlern, die die Wirkung der Bedingungen in 10.000 Metern auf den menschlichen Organismus testeten. Nach dem ersten Weltkrieg mussten die Aktivitäten wegen des Versailler Vertrages eingestellt werden. Allerdings stand in dem Vertrag nichts von "Raketentechnik", so dass sich der Erfindergeist in Reinickendorf mit dieser neuen Technologie ausprobieren konnte. Auch namhafte Raketentechniker wie Wernher von Braun machten hier erste Experimente.
Mit Ausweitung des Stadtgebietes
nach Nordosten begannen die Konflikte mit den Bürgern. Da ging es um
Lärmbelästigung und die versehentlichen Einschläge von Granaten oder Versuchsraketen in Gebäude oder den Tegeler See.
In Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs ließ Hermann Göring
auf dem Gelände der heutigen Julius-Leber-Kaserne eine Waldstadt errichten.
Diese wirkte von oben wie ein ganz normaler ziviler Ort, war aber in der
Bausubstanz bereits auf Luftangriffe vorbereitet: Die Dächer waren mit Stahlbeton verstärkt.
Lagerhallen waren in Wirklichkeit riesige Garagenkomplexe. Es gab eine
Kirchen-Attrappe und echte Sportkomplexe. Durch diese
architektonische Verschleierung wurde die Kaserne im Zweiten Weltkrieg kaum bombardiert und die finalen Zerstörungen hauptsächlich durch Artillerie der Roten Armee verursacht.
Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen die Franzosen in den Norden
Berlins ein und entdeckten das Areal für sich. Sie bauten den Kasernenkomplex möglichst
originalgetreu wieder auf und nannten ihn Quartier Napoleon. Die Kaserne wurde zum Zentrum des französischen Lebens in der nordöstlichen Besatzungszone. Um das Gelände wurden Einkaufszentren, Kinos, Kulturhäuser und sehr viele Wohnungen gebaut. Während der Berliner Luftbrücke wuchsen Westberliner und Besatzer so eng zusammen,
dass die Besatzer zu Beschützern wurden.
Mit der deutschen Wiedervereinigung ging auch die Zeit der
französischen Präsenz zu Ende. 1994 verließen die alliierten Truppen nach einem
Appell und einem Großen Zapfenstreich die Stadt. Kurz darauf zog die Bundeswehr
ins Quartier Napoleon ein und benannte die Liegenschaft bereits 1995 in Julius-Leber-Kaserne
um.
Die Bezirksbürgermeisterin von Reinickendorf, Frau Emine
Demirbüken-Wegner, fühlt sich sehr mit der Bundeswehr, dem Landeskommando
Berlin, dem Wachbataillon und der Julius-Leber-Kaserne verbunden. Bis heute will sie nicht akzeptieren, dass die Julius-Leber-Kaserne
geografisch dem Bezirk Mitte zugeordnet ist. Weil der Wedding mental so eng mit
Reinickendorf verbandelt ist, fühlt sich die Zugehörigkeit des Wedding zu Mitte
einfach nur falsch an. Aber auch diese Bezirksaufteilung ist Ergebnis der
Wiedervereinigung. Frau Demirbüken-Wegner hat auch eines der Vorworte zu diesem Buch verfasst.
Über den Buchhandel oder Amazon ist das Buch nicht erhältlich.
Wer es kostenfrei bestellen möchte, kann sich an die Pressestelle des
Landeskommandos Berlin unter LKdoBEPresse@bundeswehr.org wenden.
Zu einigen Aspekten dieses Buches haben wir mit Oberst a.D.
von Studnitz folgende Filme gedreht:
Geschichte der Julius-Leber-Kaserne
Zeitzeugen führen durch den französischen Sektor
49 Jahre französische Armee in West-Berlin
Autor: Matthias Baumann