Freitag, 30. November 2018

Weihnachtsbäume, Christbaumschmuck und Lichterketten im Schloss Bellevue und im Deutschen Historischen Museum

Beim Wachbataillon gibt es die Tradition, jedes Jahr eine Kugel vom Weihnachtsbaum des Bundespräsidenten zu entwenden. Das ist rechtlich unkritisch, da die Kugel im behördlichen Kreislauf bleibt und lediglich vom Schloss Bellevue in den Schrank des Kommandeurs wandert. Nur 2016 war das nicht so gut möglich, da das BKA zu genau auf den Weihnachtsbaum geachtet hatte. Der für die Entwendung zuständige Offizier fragte deshalb direkt beim Bundespräsidenten nach und durfte dann die Kugel offiziell mitnehmen.

Weihnachtsbaum Schloss Bellevue Havelmüller Grundschule Reinickendorf
Kinder der Havelmüller-Grundschule Berlin-Reinickendorf haben zusammen mit dem Bundespräsidenten das Licht am Baum vor dem Schloss Bellevue eingeschaltet
So ranken sich um den Weihnachtsbaum viele Traditionen. Das erste Auftreten des Baumes ist wohl kaum noch eindeutig zu ermitteln. Fakt ist aber, dass viele Kulturen den Weihnachtsbaum kennen und dieser kein rein christliches Symbol ist. Das Deutsche Historische Museum - kurz DHM - hat sich deshalb in einer Sonderausstellung auf die letzten 200 Jahre konzentriert und 500 Exponate zusammengetragen.

Christbaumschmuck DHM Deutsches Historisches Museum Sonderausstellung
Sonderausstellung zu Christbaumschmuck aus zwei Jahrhunderten im DHM (Deutsches Historisches Museum)
Allein 250 Baumverzierungen hängen in einer aufwendigen Installation aus feinen Drähten. Es gibt bemalte Pappkugeln aus Kaschmir zu bestaunen, daneben ein aufgeblasener Kopf von Karl Marx, ein Kopf von Martin Luther, ein Handy, eine Krippe, Engel, Schlitten, Krippen, Tiere, Sterne und vieles mehr. Alles in einer harmonisch aufeinander abgestimmten Größe, so dass die 250er-Installation schon fast wie der Ferritkern-Speicher eines vorsintflutlichen Großrechners von IBM anmutet.

Christbaumschmuck DHM Deutsches Historisches Museum Sonderausstellung
Sonderausstellung zu Christbaumschmuck aus zwei Jahrhunderten im DHM (Deutsches Historisches Museum)
Die weiteren 250 Exponate sind auf 80m² verteilt. Diese wirken wegen der eng gestellten Vitrinen eher wie 20m² und bieten Stoff für eine gute halbe Stunde Aufenthalt. Da es sehr warm wird, sollte die Jacke vorher an der Garderobe abgegeben worden sein. Interessant ist die Vielseitigkeit des Christbaumschmucks: Baumspitzen mit Hakenkreuz, Runen-Gehänge, grober Metallschmuck, niedliche Männchen der Hitler-Jugend, ausgewählt kitschiger Baumschmuck aus den USA, Kugeln mit Innenlicht und diverse religiöse Behänge wie die islamische Hand, der Felsendom, der Chanukka-Leuchter oder das griechische Weihnachtsschiff.

Das Weihnachtsschiff ersetzt in Griechenland den Baum, da das Christentum vom Apostel Paulus per Schiff nach Griechenland gebracht worden war. Während Griechenland längere Zeit von der Schiffstradition abgewichen war und den Baum aufgestellt hatte, wird seit 2014 wieder das Schiff verwendet. Es schlägt eine thematische Brücke zu den vielen Flüchtlingen, die nun per Schiff in Griechenland eintreffen.

Christbaumschmuck DHM Deutsches Historisches Museum Sonderausstellung
Sonderausstellung zu Christbaumschmuck aus zwei Jahrhunderten im DHM (Deutsches Historisches Museum)
Eine Wand der Ausstellung war auch Familienfotos gewidmet. Anhand von Familienfotos konnten die wissenschaftlichen Mitarbeiter des Museums auch sehr gut die gesellschaftliche Entwicklung einzelner Personen und Familien ermitteln. Die Konstante war jeweils der Weihnachtsbaum, um den sich die Protagonisten gruppierten. Erst im Anzug, dann in bestimmten Uniformen mit steigenden Dienstgraden und dann entsprechende Lücken.

Die Sonderausstellung wird noch bis zum 3. März 2019 im Deutschen Historischen Museum zu sehen sein.

Der Rundgang war eine Steilvorlage für den anschließenden Besuch im Schloss Bellevue. Dort sollte nämlich das Licht am großen Baum auf dem Vorplatz eingeschaltet werden. Auch hier gibt es eine Tradition. Am Freitag vor dem ersten Advent erscheinen Grundschüler, singen Lieder und knipsen dann mit einem riesigen Taster - in Schwarz-Rot-Gold natürlich - das Licht am Baum an.

Weihnachtsbaum Schloss Bellevue Havelmüller Grundschule Reinickendorf
Kinder der Havelmüller-Grundschule Berlin-Reinickendorf singen für den Bundespräsidenten - Kontakt auf Augenhöhe
Traditionell ist es eisig kalt an diesem Tag. Diese Tradition wurde zwar auch heute nicht gebrochen, aber es gab ein neues Element: Regen. Deshalb wurde die Zeremonie ins Innere des Schlosses verlegt. Dort stand der Baum mit den begehrten Kugeln für das Wachbataillon. Unter dem Baum waren die traditionellen Tüten für die lieben Kleinen aufgebaut. In diesem Jahr durften Kinder aus der Havelmüller-Grundschule Berlin-Reinickendorf singen. Die Instrumentalbegleitung kam aus einer kleinen Box und wurde per Smartphone gesteuert. Dazu sangen die Kinder. Es wurde auch ein Gedicht vorgetragen.

Es gab noch eine weitere Abweichung zur Tradition: Elke Büdenbender, die Frau des Bundespräsidenten, war nicht dabei. So stellte sich Frank-Walter Steinmeier neben die Dirigentin und stellte Augenkontakt zu den Schülern her. Es gab auch schon Illuminationen, bei denen sich das Präsidentenpaar unter die Schüler gemischt und mitgesungen hatte.

Weihnachtsbaum Schloss Bellevue Havelmüller Grundschule Reinickendorf
Kinder der Havelmüller-Grundschule Berlin-Reinickendorf schalten zusammen mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Lichter der Weihnachtsbäume im Schloss Bellevue ein
Nach dem kurzen Programm wurde der große Knopf in Schwarz-Rot-Gold hereingetragen. Zwei Kinder durften helfen und zusammen mit dem Bundespräsidenten das Licht einschalten. Klick! Die Lichterketten am Weihnachtsbaum im Schloss und am Baum vor dem Schloss waren eingeschaltet. Nur bei genauer Betrachtung erkannte man den Fake dieser Aktion. Das Kabel, das draußen zwischen Button und Baum verläuft, fehlte. Ja, und bald wird wohl auch eine Kugel am Baum fehlen und die Kugelsammlung des Kommandeurs des Wachbataillons bereichern.

Video:
Christbaumschmuck im DHM und Einschalten der Weihnachtsbaumbeleuchtung im Schloss Bellevue

Autor: Matthias Baumann

Donnerstag, 29. November 2018

#BSC18 - Berlin Security Conference und die Herausforderungen der fünften Dimension - Cyber-Sicherheit rechtlich und technisch

Wenn mich Irina schon im Betreff des Mails für die Performance im Bett lobt oder Dr. Schlumumba meine Kontonummer erfragt, um schnell die zwei Millionen überweisen zu können, wandert das Mail in den Papierkorb. Wenn es nicht ohnehin schon vom Spamfilter aussortiert wurde. DISCARD ist meine Lieblingsfunktion bei der Konfiguration von Mailservern: lautloses Löschen von Spam.

Cyber-Sicherheit hat auch etwas mit dem Menschen vor der Tastatur zu tun. Als ich ein geeignetes Antivirenprogramm suchte, wurde unter anderem Kaspersky angeboten. Das Bauchgefühl hielt mich davon ab, eine sicherheitsrelevante Software mit einem offensichtlich russischen Namen zu kaufen. Vorurteile und Rasterfahndung werden ja in Kreisen politischer Korrektheit nicht gerne gesehen. Vorschussvertrauen ohne Störgefühle war mir aber wichtiger und führte zum Kauf eines anderen Produktes.

Da Sicherheit und Politik nicht immer harmonieren, wurde in der Ukraine und diversen westlichen Ländern eine exzessive Installation der Kaspersky-Software durchgeführt. Irgendwann stellte der israelische Geheimdienst fest, dass Kaspersky zur Spionage genutzt wird. Panik machte sich breit in den Behörden der USA und letztlich auch der Niederlande. Das Gefühl im Bauch wurde - wie schon oft - durch die Realität bestätigt.

#BSC18 Berlin Security Conference CIR Cyber Leinhos
#BSC18 Berlin Security Conference - Paneldiskussion mit (v.l.n.r.) Generalleutnant Ludwig Leinhos (CIR), Marcel Taubert (secunet Security Networks AG), Prof. Robin Geiss (School of Law - University of Glasgow) und weiteren Experten.
Bei der BSC Berlin Security Conference saß ich im gut besuchten Raum Opal. Direkt vor mir Generalleutnant Ludwig Leinhos, zwei Professoren mit den Schwerpunkten Recht und Cyber, drei Männer aus der Industrie, ein Vertreter der Cyber-Abwehr der US-Streitkräfte und ein Mann vom BSI (Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik). Es war also ein High-Level-Panel mit dem Titel "Cyber Operations - a legal and technological challenge", was übersetzt so viel heißt wie "Operationen im virtuellen Raum - eine rechtliche und technologische Herausforderung". Einige der Panel-Teilnehmer waren zunächst durch die Leitsprache Englisch herausgefordert, bekamen das aber gut in den Griff.

Professor Ducheine aus den Niederlanden sprach dann auch über die vier Schienen des Cyber-Sicherheit: Das erste sei die oben erwähnte Aufmerksamkeit des Nutzers, dann folgen die technischen Grundlagen, als drittes die rechtliche Dimension und zu guter Letzt die politischen Rahmenbedingungen. Also Mensch, Technik, Recht, Politik.

Die Politik wurde nur am Rande gestreift. Sie müsse auf Cyber-Verstöße gegen geltendes Recht reagieren. Im schlimmsten Falle mit offener militärischer Gewalt. Dazu sind aber erst einmal verschiedene Stufen des diplomatischen Geschicks zu durchlaufen. Die Einstiegsvariante ist die Ausweisung des Botschafters. Danach folgen wirtschaftliche Sanktionen. All das ist darauf angelegt, den Gegner an den Verhandlungstisch zu bekommen. Wenn das nicht fruchtet, muss geschaut werden, welchen tatsächlichen Schaden der Cyber-Angriff erzeugt hat.

Cyber-Angriffe sind in der Regel auf eine virale Verbreitung ausgelegt, so dass bei deren Initiierung noch gar nicht abgeschätzt werden kann, welcher Kollateralschaden entstehen wird. Der Kollateralschaden kann bei der globalen Vernetzung durchaus wieder beim Initiator ankommen, als Bumerang sozusagen. Bisher gab es weltweit noch keine offene militärische Antwort auf Cyber-Angriffe. Artikel 5 (Bündnisfall) der NATO würde eine militärische Reaktion auf Cyber-Angriffe gestatten.

Die Schwachstellen Mensch und Technik waren in dieser Runde unstrittig und wurden nur kurz behandelt. Es wurde lediglich noch einmal dafür geworben, Verschlüsselungen - Neudeutsch: Crypto - einzusetzen.

So konzentrierte sich der Hauptteil auf das Thema Recht. Das Recht hängt zwischen Täter und Politik. Die Politik hat bisher nur rudimentäre Grundlagen für die Ahndung von Cyber-Kriminalität geschaffen. Dennoch lässt sich mit dieser Basis arbeiten. Hinter der Verbreitung von Fake News oder Schadsoftware stecken immer Menschen mit analysierbaren Denkmustern und kalkulierbaren Handlungsweisen. Sie disruptieren, manipulieren, sabotieren und spionieren. Sie sind jedoch als echte Personen außerhalb ihres virtuellen Schutzraumes greifbar. Im Internet hinterlässt jeder seine Spuren. Diese sind mal schneller und mal erst nach vier Jahren bis zu ihrem Ursprung zu verfolgen.

Bisher gab es wohl noch keine aktiven Eingriffe in Kampfhandlungen. Bei zunehmender Internationalisierung der Streitkräfte werden auch die Sicherheitslücken größer. Bei der Vorstellung des Leopard 2 A6M für den multinationalen Einsatz mit deutschen und niederländischen Truppen wurde die Smartphone-Affinität der Niederländer herausgestellt. Die Waffentechnik wurde deshalb auf die innovativen Nachbarn erweitert. Immer mehr strategische Produkte enthalten Material und Technologien von Google-Maps. Wenn Google will, kann es wohl demnächst die globalen Konflikte vom Rechenzentrum aus steuern.

Es ist viel im Fluss und der Experten sind wenige. Gegner haben nicht nur durch Kaspersky bewiesen, dass sie in der fünften Dimension Cyber etwas bewegen können. Hält die NATO dort mit?

Autor: Matthias Baumann

Mittwoch, 28. November 2018

#BSC18 Berlin Security Conference: Europäische Emanzipazion unter Beibehaltung der guten transatlantischen Beziehungen

Auf der diesjährigen 17. BSC Berlin Security Conference durfte Ursula von der Leyen die Begrüßungsrede halten. Das Medieninteresse war symptomatisch. Kaum war die Ministerin weg, verschwanden auch die Kameras. Bis zur Mittagspause hatten auch die standhaftesten Bildreporter das Feld geräumt. Nur die Bundeswehrredaktion und einige Fachjournalisten waren geblieben.

Dabei hatte die offizielle Begrüßung der hochkarätigen Gäste einige Zeit in Anspruch genommen. Der stellvertretende russische Außenminister, der georgische Verteidigungsminister, der niederländische Außenminister, Europaminister, Militärattachés, Generäle und Admiräle, Jörg Vollmer, General Laubenthal, General Leinhos, General Schelleis, Vizeadmiral Krause und Brigadegeneral Rob Rider waren vor Ort. Man könnte jetzt noch mit Staatsminister Niels Ammon und Staatssekretär Peter Tauber fortsetzen, aber das würde den Rahmen sprengen.

#BCS18 Berlin Security Conference
#BCS18 Berlin Security Conference - Europa mit der NATO - Europa emanzipiert sich und bekennt sich zur NATO
"Transatlantisch bleiben, europäischer werden", war der rote Faden in der Rede der Ministerin. Transatlantisch bezog sie auffällig oft auf Kanada. Kanadische Truppen hatten beim NATO-Manöver Trident Juncture eng mit unseren Gebirgsjägern zusammengearbeitet. Der uralte Spruch "Kann'a hier nicht, kann'a da" hatte im Gefechtsstand für gute Stimmung gesorgt. Aber auch US-Streitkräfte hatten an unserer Seite gekämpft. Sollte die Nennung von Kanada ein Seitenhieb gegen Donald Trump sein? Bei einem Panel war auch von amerikanischer Seite zu erfahren, dass die militärische Basis verlässliche Kontinuität "trotz der aktuellen politischen Führung" lebe.

Frau von der Leyen lobte die vielen europäischen Projekte der einjährigen PESCO (Permanent Structured Cooperation). Europa müsse auch unabhängig von der NATO handlungsfähig werden. Bisher macht in Europa jeder das Seine. Es gibt nur wenige Initiativen wie die gegenseitige Unterstellung deutscher und niederländischer Truppen. Die Waffensysteme in Europa sind stark fragmentiert und müssen in den nächsten Jahren gestrafft werden. Die Ministerin forderte kürzere und schnellere Entscheidungswege. Europa müsse wollen und handeln. Hier sei der Output das Maß der Dinge.

Immer wieder kam sie auf "transatlantisch bleiben, europäischer werden" zurück. Die europäische Verteidigungsmaschine solle autark agieren können, aber keine Duplizierungen zur NATO bieten. Das klang nach einem herben Widerspruch. Dieser wurde am zweiten Konferenztag durch Generalinspekteur Eberhard Zorn aufgelöst. Während es aktuell mehrere Hauptquartiere in Europa gebe, sollte das in Zukunft harmonisiert werden. Wenn Vorhandenes entsprechend gebündelt werde, könne Europa auch neben der NATO entsprechende Einsätze durchführen. "Praktische Dinge statt Papiere" forderte Eberhard Zorn. Es entstand der Eindruck, dass PESCO eine ganz neue Dynamik in die eingeschlafene europäische Verteidigungspolitik gebracht hat. Vielleicht ist das Verhältnis Europa - USA - NATO auch mit einem Jugendlichen zu vergleichen, der das Elternhaus verlässt, aber dennoch familiär verbunden bleibt.

Admiral Rob Bauer, Verteidigungschef der Niederlande, freute sich sehr über die gute Zusammenarbeit mit Deutschland. Er hob die kulturellen Gemeinsamkeiten und Unterschiede hervor und bestätigte noch einmal die Erkenntnisse des Ministertreffens von Lohheide im Mai. Die Deutschen seien demnach klar und strukturiert, während die Niederländer erst einmal diskutieren und sich irgendwann in Bewegung setzen. Von niederländischer Seite kam auch der Hinweis, dass sich die Konflikte und Waffen deutlich gewandelt haben. Heute habe man mit Cyber-Angriffen und Drohnen zu tun. Stef Blok, der niederländische Außenminister, bezeichnete es als Fehler, sich auch nur gedanklich von den USA zu trennen. Transatlantisch bleiben!

#BCS18 Berlin Security Conference
#BCS18 Berlin Security Conference - Aussteller am Rande der Konferenz
Österreich hatte seine Europaministerin Dr. Karin Kneissl nach Berlin geschickt. Sie stellte die Frage, wo beginnt Europa und wo endet es? Die Grenzen verschieben sich und Europa sei neben der Geografie auch als Wertegemeinschaft zu definieren. Sie postulierte, dass Europa Sicherheit exportieren müsse. Die Alternative sei der Import von Unsicherheit.

Von einem anderen Europapolitiker war zu erfahren, dass Brüssel nicht zufrieden damit sei, dass Deutschland bis 2024 nur 1,5% für den Verteidigungshaushalt bereitstelle. Das junge Projekt PESCO habe den europäischen Haushalt für die Verteidigung aufgemacht. Das müsse genutzt werden. Europa benötigt ein gemeinsames Narrativ. "Europäische Verteidigungsunion" könnte ein Leitwort dabei sein. Immer wieder das Bekenntnis zur NATO. Dennoch müsse Europa eigene Fähigkeiten entwickeln. Das hänge nicht nur mit der Unberechenbarkeit von Donald Trump zusammen, sondern auch mit der Änderung des amerikanischen Fokus hin zu Asien. Während die USA 1,4 Millionen Soldaten unter Waffen hat, gibt es in Europa sogar 1,8 Millionen Soldaten, selbst wenn die Militärausgaben hier viel niedriger sind. Auch angesichts der demografischen Entwicklung müsse "klüger vernetzt gehandelt" werden und fehlende personelle Ressourcen durch Technik ersetzt werden.

Neben den Vorträgen gab es auch kompetent besetzte Diskussionsrunden auf dem Podium und die Panels in den verschiedenen Räumen des Tagungszentrums. In den Gängen hatten Organisationen und Firmen ihre Stände aufgebaut. Von Sanitätsdienst bis Airbus präsentierte sich eine bunte Palette von Anbietern, die entsprechend bunte Kugelschreiber, Tassen, Beutel, Traubenzucker und Flyer an den geneigten Besucher übergaben. Wegen der vielen prominenten Gäste waren auch erhebliche Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden. Dennoch funktionierte der Zugang schnell und reibungslos. Die Orga hatte militärische Professionalität und satt wurde auch jeder. "Ohne Verpflegung keine Bewegung", hört man bei solchen Anlässen oft aus dem Munde erfahrener Offiziere.

Ja, Erfahrungen und Kompetenzen waren hier auf engstem Raum versammelt. So konnte ich sämtliche Fragen zum Protokoll, zu Uniformen und anderen Themen stellen und Antworten aus erster Hand einsammeln. Gewürzt mit Anekdoten aus dem militärischen Alltag.

Autor: Matthias Baumann

Dienstag, 27. November 2018

Armeniens Präsident Armen Sarkissian zum Antrittsbesuch im Schloss Bellevue empfangen

Armen Sarkissian ist seit März im Amt. Der 65-Jährige startete zunächst mit einer wissenschaftlichen Karriere. Als Physiker beschäftigte er sich in den 1980er Jahren mit komplexen Datenverarbeitungssystemen. Er soll auch an der Entwicklung eines der ersten Computerspiele beteiligt gewesen sein: Tetris. Die ernüchternde Botschaft von Tetris lautet ja: "Sobald du passt, verschwindest du". Sarkissian hat darüber hinaus eine beachtliche Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten verfasst und lehrte sogar an der University of Cambridge.

Armenien Präsident Armen Sarkissian Antrittsbesuch Bundespräsident Schloss Bellevue
Armeniens Präsident Armen Sarkissian zum Antrittsbesuch bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue - Foto: Malte Koch
1991 wurde Armen Sarkissian politisch aktiv und fungierte zunächst als Botschafter Armeniens in Europa. Das heißt, er vertrat von London aus sein Land gegenüber BeNeLux sowie dem Vatikan und der EU. Nebenbei war er noch als stellvertretender Außenminister tätig. Solch eine Häufung der Zuständigkeiten ist in Armenien notwendig, da Armenien weniger als drei Millionen Einwohner hat. Bei flüchtiger Betrachtung könnte die Flagge von Armenien mit der von Kolumbien verwechselt werden. Die Reihenfolge der Farben ist jedoch umgedreht und das Gelb eher ein Orange - also Rot, Blau, Orange.

Zum Jahreswechsel 1997 gab es ein kurzes Intermezzo als Premierminister. Das dauerte aber nur ein halbes Jahr. Danach wurde er wieder nach London entsandt. Armen Sarkissian engagiert sich in verschiedenen internationalen Wirtschaftsgremien und ist auch Mitglied des Weltwirtschaftsforums in Davos.

Armen Sarkissian erschien heute zusammen mit seiner Ehefrau Nouneh Sarkissian. Sie ist ein Jahr jünger als er, aber schon sehr lange mit ihm zusammen. Bereits mit 14 hatte es zwischen den Beiden gefunkt, so dass sie fortan ihren Lebensweg gemeinsam gingen. Durch den Aufenthalt in London kam auch Nouneh Sarkissian zu einer gewissen Berühmtheit. In Großbritannien publizierte sie über Kunst, Musik und Kultur. Zudem schreibt sie Geschichten für Kinder. In Armenien ist sie sehr bekannt. Sie und die zwei gemeinsamen Söhne konnten die britische Staatsangehörigkeit erwerben.

Armenien Präsident Armen Sarkissian Antrittsbesuch Bundespräsident Schloss Bellevue
Armeniens Präsident Armen Sarkissian und seine Frau Nouneh Sarkissian zum Antrittsbesuch bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im Schloss Bellevue
Armenien hat eine pikante geostrategische Lage. Es grenzt an Georgien, die Türkei, den Iran und Aserbaidschan. Entsprechend bewegt war die Geschichte. Armenien wurde erstmalig vor 2.500 Jahren erwähnt. Damals hatten die Perser das Sagen in der Region. Danach kamen die Griechen und danach die Römer. Da es bis 700 noch keinen Islam gab, konnte sich dort das Christentum ausbreiten. Das Christentum kam bereits im ersten Jahrhundert nach Armenien durch die drei Apostel Judas, Bartholomäus und Thaddäus. Diese drei Männer hatten zum engsten Kreis der Vertrauten von Jesus Christus gehört. Das Land hat seine eigene Armenisch Apostolische Kirche, die in ihrer äußeren Form mit der Orthodoxen Kirche vergleichbar ist. Nach 700 ging es munter weiter mit den Machtkämpfen und sehr kurzen Zeiten der Unabhängigkeit: Moslems, Osmanen, Perser, Russen. Alle wollten diesen geografischen Schnittpunkt besitzen. Am 21.09.1991 wurde das Land unabhängig und konnte Armen Sarkissian als Botschafter nach Europa entsenden.

Beim heutigen Antrittsbesuch im Schloss Bellevue begegnete das Ehepaar Sarkissian dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier und dessen Frau, Elke Büdenbender. Nach dem Eintrag ins Gästebuch wurden sie mit militärischen Ehren im Garten des Schlosses begrüßt. Anschließend stand noch ein Besuch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem Programm.

Video:
Militärische Ehren zum Antrittsbesuch des armenischen Präsidenten Armen Sarkissian

Autor: Matthias Baumann

Sonntag, 18. November 2018

Volkstrauertag 2018 - Bundesregierung legt gemeinsam mit Emmanuel Macron Kränze nieder zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs

"Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres", so steht es in den einschlägigen Kalendern umrahmt mit Bibelsprüchen, alten Kirchenliedern und den Predigttexten für den vorletzten Sonntag vor dem ersten Advent. Der Volkstrauertag hat eine lange Tradition. Er wurde 1919 - also kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs - vorgeschlagen und erstmalig 1925 begangen. Damals noch im März.

Volkstrauertag 2018 Kranzniederlegung Neue Wache Macron Merkel Steinmeier
Volkstrauertag 2018 - Kranzniederlegung an der Neuen Wache durch Emmanuel Macron, Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel
Im Ersten Weltkrieg starben etwa 17 Millionen Menschen. Das entspricht der Gesamtbevölkerung von Chile oder der ehemaligen DDR. Panzer und Flugzeuge hatten jedoch in dieser Zeit noch nicht so eine große Bedeutung wie zwei Dekaden später im Zweiten Weltkrieg. Deutschland und Frankreich standen sich mal wieder feindlich gegenüber, während Frankreich seine Erzrivalen England und Russland als Verbündete gewinnen konnte.

Volkstrauertag 2018 Kranzniederlegung Neue Wache Macron Merkel Steinmeier
Volkstrauertag 2018 - Kranzniederlegung an der Neuen Wache durch Emmanuel Macron, Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel
Inzwischen ist Frankreich auch mit Deutschland verbündet. Es gibt die deutsch-französische Brigade zusammen mit der Bundeswehr, es gibt den deutsch-französischen Ministerrat und Frankreich ist nach Deutschland der größte Nettozahler der EU. Dann kommt erst einmal gar nichts, gefolgt von Italien mit einem Drittel der EU-Einzahlungen Frankreichs.

Das Verhältnis zu Frankreich kann - zumindest auf politischer Ebene - als herzlich bezeichnet werden. Besonders herzlich wirkte bei der heutigen Kranzniederlegung das Verhältnis zwischen Bundespräsident Steinmeier und Frankreichs Präsident Macron. Angela Merkel lief am Rande. Sie wirkte traurig und hatte den Kopf gesenkt. In der Hand eine Blume. Claudia Roth von den Grünen lief zwischen Macron und Merkel und drängte die scheidende Kanzlerin beim Betreten der Neuen Wache fast ab. Claudia Roth vertrat in Funktion der Vizepräsidentin den Bundestag.

Volkstrauertag 2018 Kranzniederlegung Neue Wache Macron Merkel Steinmeier
Volkstrauertag 2018 - Kranzniederlegung an der Neuen Wache - Spitzenpolitiker warten auf die zweite Kranzniederlegungsgruppe - v.l.n.r.: Andreas Voßkuhle (Präsident des Bundesverfassungsgerichtes), Claudia Roth von den Grünen (Vizepräsidentin des Bundestages), Daniel Günther (Präsident des Bundesrates, CDU Schleswig-Holstein), Emmanuel Macron (Präsident Frankreichs), Frank-Walter Steinmeier (Bundespräsident)
Auch nach der Kranzniederlegung stand die Kanzlerin abseits der rege plaudernden Spitzenpolitiker. Die erste Gruppe musste noch warten, bis auch der Generalinspekteur, der Bundesrat und das Berliner Abgeordnetenhaus ihre Kränze platziert hatten. Die schwarzen Limousinen aus deutscher Produktion warteten ebenfalls. Ganz vorne der Audi der Kanzlerin. Anhand der Standarten konnte jeder sein Fahrzeug wiedererkennen. Die Prominenz verteilte sich auf die Autos und fuhr dann im Konvoi Richtung Bundestag.

Volkstrauertag 2018 Kranzniederlegung Neue Wache Macron Merkel Steinmeier
Volkstrauertag 2018 - Kranzniederlegung an der Neuen Wache durch Angela Merkel, Frank-Walter Steinmeier und Emmanuel Macron (v.l.n.r.)
Frank-Walter Steinmeier und Emmanuel Macron teilten sich ein Fahrzeug. Eskortiert vom satten Sound weiß-blauer Motorräder bogen sie als Letzte auf die Straße Unter den Linden ein. Der französische Präsident sollte gleich vor dem Bundestag reden.

Video:
Kranzniederlegung zum Volkstrauertag 2018 an der Neuen Wache

Autor: Matthias Baumann

Dienstag, 6. November 2018

Trident Juncture 2018: Schiedsrichter, Richtminen und die Verzögerung des Gefechtes

Vom 28. Oktober bis zum 2. November gab es diverse Presse-Vorführungen beim NATO-Manöver Trident Juncture in Norwegen. Das Manöver-Gebiet lag zwischen Trondheim und Oslo. Beide Städte sind etwa 500 Kilometer voneinander entfernt. Journalisten konnten von Tribünen aus die Schaugefechte verfolgen und anschließend mit unbeschmutztem Anzug in die heimischen Redaktionen fliegen. Das Ende des Manövers ist für den 7. November 2018 vorgesehen.

Als Kontrastprogramm zur sonstigen Berichterstattung über protokollarische Anlässe wurde mir eine Begleitung des Gebirgsjägerbataillons 232 bei der eigentlichen Übung ab 3. November angeboten. Gebirgsjäger sind als eine der härtesten und sportlichsten Einheiten der Bundeswehr bekannt und reichen damit Fallschirmjägern und KSK das Wasser.

Das GebJgBtl232 - wie es liebevoll abgekürzt wird - ist in Bischofswiesen stationiert. Bischofswiesen liegt im äußersten Süd-Ost-Zipfel Bayerns. Das Bataillon besteht aus sieben Kompanien: Die erste ist für Versorgung und Technik zuständig und die zweite bis fünfte für den Kampf. Die fünfte Kompanie verfügt über schweres Gerät wie Mörser und den kleinen Wiesel - einen Panzer mit diversen Schussvorrichtungen. Die sechste Kompanie besteht aus Reservisten und die siebte dient zur Ausbildung.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsjägerbataillon 232 Schiedsrichter Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsjägerbataillon 232 - Hägglund mit Wintertarnung
Bei den Mannschaften gibt es keinerlei Sorgen um den Nachwuchs. Es finden sich immer wieder begeisterte Bergsteiger mit T1-Musterung - also kerngesund ohne Brille und Plattfüße. Bei den Feldwebeln sieht es nicht ganz so gut aus, da für diese Dienstgrade gewisse Qualifikationen notwendig sind. Es müssen fachliche Kompetenzen und die so genannten Soft Skills passen.

Vorsichtshalber fragte ich an, mit welcher Ausrüstung ich nach Norwegen fliegen solle. Ja, die Truppe erlebe gerade arktische Temperaturen im Bereich von -20°C und ich solle wasserabweisende Kleidung, dicke Schuhe, Isomatte und einen warmen Schlafsack mitbringen. Wie gut, wenn es einen Army-Shop mit entsprechenden Artikeln in der Nähe gibt. Schlafsack, Isomatte, lange Unterhosen, Wechselpullover, zweiter Schal und wasserdichte Hose wurden in einen Rucksack gepackt und los ging es.

Die eigentlichen Gefechte sollten auf einer Nord-Süd-Achse von 250 Kilometern zwischen Haltdalen und Rena stattfinden. Haltdalen liegt etwa 100 Kilometer südlich von Trondheim und ist unter Beachtung der norwegischen Verkehrsregeln innerhalb von zwei Stunden zu erreichen.

Das Gebirgsjägerbataillon 232 führte zunächst den Angriff von Haltdalen aus. Es gehörte zur Gruppe Rot und war innerhalb weniger Tage gut zwei Autostunden nach Süden vorgedrungen. Das entsprach 2/3 der Distanz. Vom südlichen Rena aus bewegte sich unter anderem die Panzerlehrbrigade 9 - auch gerne als L9 bezeichnet - Richtung Norden. Für die Gruppe Blau aus dem Süden war also zunächst Verzögerung und Halten angesagt. L9 aus Munster (ohne Umlaut) ist die VJTF 2019. Alle anderen deutschen Soldaten sind froh, dass sie nicht zur VJTF gehören.

Jedes Manöver hat ein Drehbuch, das die Teilziele mehr oder weniger starr festlegt. Es gibt Schiedsrichter, geheimes Leitungswissen, neutrale Versorger und die mit Rot oder Blau gekennzeichneten Kämpfer. Schiedsrichter trugen bei Trident Juncture orange Warnwesten. Ich trug einen knallroten Hoodie und Jeans. Darüber eine schwarze sehr warme Mil-Tec-Jacke.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsjägerbataillon 232 Schiedsrichter Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsjägerbataillon 232 und Manöver-Schiedsrichter - Unterwegs zur Frontlinie
Das war nämlich so: Bei der Zwischenlandung in Oslo war mein Rucksack mit den arktischen Kleidungsstücken und Schlaf-Utensilien verschwunden. Der Klassiker bei solch einer Reise. Durch die Reklamation verpasste ich dann noch den letzten Zug nach Haltdalen. So musste ich einen Leihwagen nehmen. Kurz nach vier war es in Norwegen schon stockfinster. Die Scheibenwischer meines Skoda Fabia schabten den Regen von der Frontscheibe. Vereinzelte Lichter seitlich über mir versprachen eine traumhafte Landschaft - zumindest bei Tageslicht. Ansonsten war es so dunkel, dass ich mich über die Reflexion der Stangen am Rand freute, die die Schneetiefe messbar machen sollten. Nach zwei Stunden hatte ich Haltdalen erreicht und suchte dort das Lager der Gebirgsjäger. Die Ausdehnung von Haltdalen hatte ich unterschätzt.

Schon vom Flughafen aus hatte ich mitgeteilt, dass mein Gepäck nicht mitgekommen war. Schnell und flexibel wurde umdisponiert und ein Zimmer im befestigten Haus zur Verfügung gestellt. Solange das Gepäck verschollen sei, solle ich Tagesausflüge machen. Zahnpasta, Zahnbürste und Duschbad gab es im Shop der Staging Area. Dazu leckeres Frühstück und Abendessen aus der Truppenküche. Der Kommandeur dieses Gefechtsstandes Rück war Oberstleutnant Schneider-Ludorff, der bereits mediale Berühmtheit bei Trident Juncture erlangt hatte. Er zeigte mir das Zeltlager mit Duschen, WCs und vielen Schlafräumen. Er selbst schlief auch bei der Truppe und ließ mich kurz in sein 12-Mann-Abteil schauen.

Es gab zwei Gefechtsstände: Der Hauptgefechtsstand war nahe der Frontline aufgebaut. Von hier aus operierte der Kommandeur der kämpfenden Einheiten - Oberstleutnant Sonnenberger. Der Hauptgefechtsstand war aber so gut versteckt, dass er sich nur bei groben taktischen Fehlern hätte selbst verteidigen müssen. Ergänzend dazu gab es den erwähnten Gefechtsstand Rück. Hier agierte der zweite Kommandeur und kümmerte sich um alle Aufgaben außerhalb der Kampfhandlungen inklusive Nachschubsicherung.

Am ersten vollen Tag konnte ich die Aufklärer und die Pioniere begleiten. Am zweiten Tag stand eine Mitfahrt bei den Schiedsrichtern auf dem Programm. Die Aufgabe der Manöver-Schiedsrichter kann relativ simpel zusammengefasst werden:

Schiedsrichter ersetzen den scharfen Schuss.

Wo immer anhand des Leitungswissens ein Gefecht stattfinden soll, sind die Schiedsrichter zugegen. Eine orange Warnweste am Wegesrand zeigt dem Journalisten: Hier gibt es gleich die begehrten Fotos. Schiedsrichter sind in der Regel Personen ab dem Dienstrang Leutnant, also mindestens ein Stern auf der Schulter. Wobei die Sterne bei der Manöveruniform auch gerne mal an der Knopfleiste, der Brust oder am Arm kleben. Mit Klettband natürlich. Einige Offiziere hatten daneben noch den großen runden Trident-Juncture-Button angebracht. Dieser Button war so begehrt, dass er zentral nachbestellt werden musste.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsjägerbataillon 232 Schiedsrichter Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsjägerbataillon 232 und Manöver-Schiedsrichter - TRJE-Button mit Kletthalterung
Schiedsrichter wissen in etwa, was beim Einsatz welcher Waffen gegen welches Ziel passiert. Deshalb können Panzer und Soldaten mit Übungsmunition schießen. Die leeren Hülsen fliegen seitlich aus der Waffe und vorne kommt außer heißer Luft nichts raus. Die Luft kann aber solch eine Hitze entwickeln, dass sie von entsprechenden Aufsätzen kompensiert werden muss. Auch ein Knalltrauma ist nicht auszuschließen, wenn jemand zu nah am Rohr steht. Besonders wichtig war noch die fachgerechte Entsorgung von leeren Hülsen und anderem Müll. Dazu gab es ein umfangreiches Schriftstück.

Ohne Schiedsrichter ist ein Manövergefecht sinnlos. Die Schiedsrichter zählen die Toten und markieren ausgefallene Fahrzeuge mit Farbgranaten. Je nach vorheriger Abstimmung müssen getroffene Fahrzeuge die Warnblinkanlage einschalten. Fährt also der erste Panzer über eine Brücke, die mit Sprengladungen präpariert wurde, geht der Schiedsrichter von einer Sprengung der Brücke samt Fahrzeug aus. Er wirft dann seine bunte Rauchbombe und der tote Fahrer macht die Warnblinkanlage an. Anschließend müssen die Pioniere einen Behelfsübergang bauen und die Truppenbewegung kann weitergehen.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsjägerbataillon 232 Schiedsrichter Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsjägerbataillon 232 und Manöver-Schiedsrichter - Erkennen Sie den Hauptgefechtsstand?
Leitungswissen heißt, dass nur die Leitung und wenige informierte Personen bestimmte Pläne kennen. Aus Leitungswissen war zu erfahren, dass von Samstag auf Sonntag die Richtungen wechseln. Ab Sonntag durfte also Gruppe Blau mit L9 aus dem Süden endlich mal angreifen und die Gruppe Rot zu Verzögern und Halten zwingen.

Diese Umstellung verzögerte sich. "So, jetzt fahren wir erstmal zum Gottesdienst und ab zwölf hauen wir uns die Köpfe ein", kommentierte das einer der Offiziere. Mit zwölf war natürlich die Zulu-Zeit gemeint. Bei einem Manöver verständigt man sich zuvor auf eine gemeinsame Uhrzeit und plant dann alles mit dieser. Zwölf Uhr Zulu entsprach unserer Zeit minus einer Stunde und damit der Greenwich Mean Time (GMT). 12:00 Zulu bedeutete 13:00 Uhr Alpha-Zeit. Klingt komplizierter als es ist.

Zwei Schiedsrichter nahmen mich in ihrem gemieteten Audi mit. Es ging in Richtung Frontlinie. Über matschige Wege gelangten wir zum Hauptgefechtsstand. Dort durfte ich nur belanglose Dinge oder am besten gar nichts fotografieren. So filmte ich nur eine der dreckigen Audi-Alufelgen, das schlammige Audi-Heck, ein G36 auf Hägglund (kleiner Gebirgspanzer) und die Lage-Erklärung des Leiters der Schiedsrichter. Natürlich nur mit Fokus auf die Landkarte.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsjägerbataillon 232 Schiedsrichter Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsjägerbataillon 232 und Manöver-Schiedsrichter - Kartenmaterial der Schiedsrichter
12 Zulu war inzwischen auf 16 Zulu korrigiert worden. Scheinbar wollten sich die Feindkräfte noch über die gelungene Predigt beim Gottesdienst austauschen und waren deshalb noch nicht zum Angriff bereit. Auch wenn die Panzerlehrbrigade aus Munster in der Gruppe Blau spielte, war dafür gesorgt, dass sich möglichst keine gleichen Nationen gegenüberstanden. Es gab in Nord-Südrichtung insgesamt vier parallele Handlungsstränge auf der Fläche zwischen Schweden und der Nordsee. Wir befanden uns im Oststrang an der Grenze zu Schweden.

Die Schiedsrichter nahmen mich zu mehreren möglichen Gefechtsschwerpunkten mit. Trotz Leitungswissen und Drehbuch war auch ihnen nicht erschöpfend bekannt, zu welchen Aktionen sich die Kommandeure der Gegner letztlich entscheiden würden. Leitungswissen und Drehbuch konnten also nur als grobes Korsett des Manövers betrachtet werden, das situativ nachjustiert werden musste.

Trident Juncture hatte das Hauptziel, die schnelle Verlegung großer Truppen inklusive Gerät zu demonstrieren. Dieses Ziel war bereits in den ersten Tagen erreicht worden. Salopp ausgedrückt nutzen die ohnehin anwesenden Truppen gleich die Gelegenheit für ein anschließendes Geländespiel auf 250 Kilometern norwegischer Berglandschaft.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsjägerbataillon 232 Schiedsrichter Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsjägerbataillon 232 und Manöver-Schiedsrichter - Sperrung einer Kreuzung mit Gabionen (links) und Resten des jüngsten Gefechtes an diesem Ort
An den unterschiedlichen Stationen sahen wir Metallgitter mit simulierter Steinfüllung - im Garten-Landschaftsbau als Gabionen bekannt. Ich fotografierte durch Stacheldraht, der bei Berührung mit Panzerketten oder anderen beweglichen Dingen zu einer erheblichen Verzögerung des Verkehrsteilnehmers führt. Spanische Reiter standen am Wegesrand. Das waren keine NATO-Partner, sondern kreuzweise zusammengebaute Metallgestelle zur Abwehr sämtlicher Fahrzeuge.

Irgendwann stieg ich auf einen Widder um. Der Widder ist ein militärisch umgebauter VW-Bus. Hinten ein massives Metallgitter und ein großes Ersatzrad. In der Mitte ein grob zusammengeschweißter Ständer von Heckler & Koch zur Aufnahme von vier Sturmgewehren. Ein Soldat spannte dort seine Wasserflasche ein. Zum Halten meiner Kamera passte die Vorrichtung nicht. Die mitreisenden Soldaten brachen eine Lanze für das G36, das von der Presse so gerne als Beispiel schwacher Ausrüstung zelebriert wird.

Es dämmerte bereits, als wir den ersten Hinterhalt nahe der Frontlinie erreichten. Am Kopf einer Böschung über der Straße hatte ein Zug der Gebirgsjäger Stellung bezogen. Mit Ästen und Laub hatten Sie ein Versteck für ihr Maschinengewehr gebaut. Von hier aus hatten sie einen guten Überblick über die Straße und das hinter ihnen liegende Feld. Es gab auch die kleinen Hägglunds und unterschiedliche Schusswaffen.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsjägerbataillon 232 Schiedsrichter Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsjägerbataillon 232 und Manöver-Schiedsrichter - Hinterhalt auf der Böschung
An der Böschung wurde eine Richtmine installiert. Die Richtmine sieht aus wie eine Panzerfaust und hat eine ähnliche Wirkung, nur dass sie durch den Panzer selbst ausgelöst wird. Die Richtmine kann per Schaltuhr auf ein scharfes Zeitfenster gestellt werden. An der Mine ist ein Lichtwellenleiter befestigt, der ohne Verzögerung auslöst, sobald mindestens 80 kg auf den Lichtdraht wirken. Das ist relativ wenig, wenn man bedenkt, dass ein Infanterist mit Gepäck schnell mal 120 kg wiegt. Allerdings schreitet dieser wahrscheinlich über den Draht hinweg und trifft diesen gar nicht. Anders sieht es bei Fahrzeugen mit einer permanenten Bodenhaftung aus.

Der Hinterhalt bestand aus mehreren Abteilungen, die im umliegenden Wald verteilt waren. Wir fuhren diese mit dem geländegängigen Widder ab und unterhielten uns mit den verantwortlichen Kommandeuren. Gruppe Rot war auf den Angriff von Gruppe Blau vorbereitet.

Es war dunkel geworden. Zulu wurde auf 18, auf 21 und auf 23 korrigiert. Keine Feindbewegung, nur das Geräusch von Hubschraubern. Aufklärer? Durch das Funkgerät knarzte die Info, dass drei feindliche Hubschrauber hinter uns gelandet seien und bewaffnete Kämpfer abgesetzt hätten. Zwei der Hubschrauber konnten neutralisiert werden und von einem war die Mannschaft in unbekannte Richtung entkommen.

Wir warteten und warteten und warteten und warteten. Die Kunst der Geduld besteht ja darin, sich in der Zwischenzeit mit etwas anderem zu beschäftigen. Der Wasserkocher wurde angeworfen und erst einmal Vollwert-Tütensuppe aufgegossen. Mineralwasser wurde getrunken, Schokolade gegessen und immer wieder auf die Infos aus dem Funkgerät gelauscht: Keine Feindbewegung.

Dann endlich Action: Die Blauen hatten einen Brückenkopf ganz in der Nähe angegriffen, erobert und gesichert. Super, dann werden sie ja bald in unsere Minenfalle fahren. Warten, warten, warten. Die rote Stirnlampe des Schiedsrichters leuchtete über die Karte: "Die brauchen mindestens noch eine Stunde."

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsjägerbataillon 232 Schiedsrichter Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsjägerbataillon 232 und Manöver-Schiedsrichter - Rotlicht für die Nacht oder Rembrandts "Mann mit dem Flecktarn"
Da wir einen Angriff von zwei Seiten erwarteten, begaben wir uns nach oben zu den Gebirgsjägern. Ich stellte mich neben das Maschinengewehr. Der Plan war, dass unmittelbar nach Auslösung der Richtmine aus sämtlichen Rohren auf die verschiedenen Teilnehmer des Konvois geschossen wird. Auch eine Granatpistole war dabei. Diese solle sich für Nachtaufnahmen besonders gut eignen.

Die Nachtsichtgeräte ließen aus der Nähe kleine blaue Ringe um die Augen der Soldaten erkennen. Am Ende des Feldes schlug ein Hund an. War der Gegner an uns vorbeigeschlüpft? Immer tiefer bohrten sich meine Schuhe in der Schlamm. Ich zog die Handschuhe an. 23 Zulu war vorbei und immer noch kein Gegner in Sicht. Der Schiedsrichter verließ die Deckung und stellte sich auf den Weg am Feldrand. Über uns leuchtete der Große Wagen.

Dann plötzlich Schüsse - nicht sehr laut: Klack, Klack, Klack. Ein gegnerischer Soldat hatte die Richtmine ausgelöst. Als Toter musste er sich an den Rand setzen und war für eine Stunde aus dem Spiel raus.

Inzwischen war es ein Uhr nach Alpha-Zeit. Der Leiter der Schiedsrichter - ein Hauptmann - wollte zurück in den Hauptgefechtsstand. Auf dem Weg durch die Nacht erklärte er mir weitere Details zur inhaltlichen Organisation und den Ergebnissen eines Manövers. So hat ein Manöver folgende drei Zielsetzungen:

  1. Übung der Interaktion zwischen unterschiedlichen Partner-Teams
  2. Übung des Gefechtes im Kontakt mit dem Gegner
  3. Übung von taktischen Aufgaben ohne direkten Feindkontakt

Letzteres hatten die angreifenden Briten am Brückenkopf absolviert. Die Lehrstunde lief wohl nicht so schnell wie geplant ab. Deshalb beschlossen die Angreifer eine Pause bis 800 Zulu. Um diese Zeit wollte ich in Haltdalen frühstücken und dann zum Rückflug nach Trondheim aufbrechen. Schade, keine Bilder vom Gefecht.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsjägerbataillon 232 Schiedsrichter Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsjägerbataillon 232 - Der Wagen des Kommandeurs von Haltdalen
Die unterschiedlichen Wünsche der Partnerstreitkräfte stellen eine regelmäßige Herausforderung an das Drehbuch des Manövers dar. Der Leitungsstab muss zusehen, dass möglichst alle diese Lernziele erreicht werden. Dabei sind die durch die Gefechte entstandenen Lagebilder zu berücksichtigen und die gute Stimmung der Soldaten durch Wettbewerbserfolge zu erhalten.

Es war gut, dass bei Trident Juncture auch die Interaktion der NATO-Streitkräfte unter Einsatz fremder Gerätschaften geprobt wurde. So hatte es bei den offiziellen Presse-Vorführungen einige Verzögerungen gegeben, als deutsche Fahrzeuge in amerikanischen Hubschraubern transportiert werden sollten. Die Besatzungen hatten sich erst einmal auf die unbekannten Teile einstellen müssen.

Im Hauptgefechtsstand wurde ich von Oberstleutnant Schneider-Ludorff in Empfang genommen. Sein Fahrer heizte mit dem Toyota durch die Nacht. Das gefiel mir gut, auch wenn ich mich kaum noch wach halten konnte. Auf diesem Wege bekam ich doch noch zwei Stunden Schlaf im Gefechtsstand Rück. OK, Jammern auf hohem Niveau. Die Soldaten an der Frontlinie wurden während Trident Juncture durch Gefechte oder nächtliche Verlegungen aus dem Schlaf gerissen. Ganz abgesehen davon, dass sie bei Wind und Wetter unter Planen schliefen.

Apropos Wind und Wetter: Den Rucksack mit Isomatte und Wintersachen konnte ich am Flughafen in Trondheim abholen und gleich für die Rückreise einchecken. Diesmal flog das Gepäck bis Berlin mit.

Video:
Begleitung der Manöver-Schiedsrichter bei Trident Juncture 2018

Autor: Matthias Baumann

Montag, 5. November 2018

Trident Juncture 2018: Mit dem Dachs durch Wald und Flur

Der Finger des Mannes in Flecktarn glitt über das Display des Smartphones: "Bei dieser Koordinate koppeln wir mit den Pies". PIs ist nicht mit Peace zu verwechseln und bedeutet, dass wir uns an einer bestimmten Stelle im Gelände mit den Leuten vom Gebirgspionierbataillon 8 aus Ingolstadt treffen und ich dort in deren Obhut übergeben werde. Noch saß ich bei den Gebirgsaufklärern im Auto und suchte mit ihnen den Treffpunkt.

Hier muss es doch sein!? Der Scheibenwischer schmierte das Gemisch aus Streumittel und Mineralwasser über die Frontscheibe. Vor uns ein westeuropäischer Soldat im Wolf (militärische Version der Mercedes G-Klasse), der noch schnell die Haare zurechtrückte und dann mit einem breiten Lächeln unserer blonden Fahrerin zunickte. Soldaten mit Maschinengewehren und roten Armbinden. Keine Kommunisten, Chinesen oder Russen, sondern die Gruppe Rot, die seit einigen Tagen im Rahmen des Manöver-Drehbuchs den Angriff auf die Gruppe Blau im Süden zu führen hatte.

Trident Juncture 2018 Gebirgspionierbataillon 8 Ingolstadt #TRJE2018 Norwegen
Trident Juncture 2018: Gebirgspionierbataillon 8 aus Ingolstadt in Norwegen - Pioniere mit ihrem gezähmten Dachs - Pionierpanzer Dachs wartet im Steinbruch auf den Start des Einsatzes
Wo aber waren die deutschen Pioniere? War die Koordinate falsch? Niederländer hatten gerade eine Brücke über den benachbarten Fluss gelegt und eine Metallstraße ausgerollt. Hier musste es sein. Wir fuhren hin und her und grüßten die reichhaltig aufgestellten Posten. Hinter dunkelgrünen Sandsäcken warteten sie auf den Feind in Blau. "No Germans here", erfuhr einer der Posten über sein Funkgerät.

Dabei hatten wir unsere Pioniere schon auf dem verschneiten Weg getroffen. Mit sattem Motorsound waren sie an uns vorbeigerauscht. Sie hatten einen Biber dabei. Der Biber ist ein Brückenverlegepanzer, der uns mit beachtlicher Geschwindigkeit durch die Serpentinen entgegengedriftet kam. Wer wissen möchte, was das Wort Überholprestige bedeutet, sollte einen Biber im Rückspiegel betrachten und sich dabei eine Fahrt auf der linken Autobahnspur vorstellen.

Trident Juncture 2018 Gebirgspionierbataillon 8 Ingolstadt #TRJE2018 Norwegen
Trident Juncture 2018: Gebirgspionierbataillon 8 aus Ingolstadt in Norwegen - Biber in der freien Wildbahn
Wir fuhren einige Kilometer zurück und fanden tatsächlich den Biber. Er stand am Wegesrand und trug eine gelbe Fahne: Ausfall. Bei den gewaltigen Strecken und der dünnen Besiedlung in Norwegen muss flexibel und erfinderisch auf solche Situationen reagiert werden. Hier trafen wir auch den Spieß der Pioniere. Ein Spieß ist immer an der gelben Schnur um die rechte Schulter zu erkennen. Wo der Spieß ist, gibt es Essen oder Medikamente oder einfach nur das Wissen um die intakte Verbindung zum Basislager.

Im Bus des Spießes saßen viele Kranke. Der Bus war sichtlich überladen. Ein weißer Mercedes, der bereits eine ortstypische Patina in Schlammbraun angelegt hatte. Gemeinsam fuhren wir den Weg zur Koordinate zurück. Wir bewegten uns an der Koordinate und den rot markierten Posten vorbei, grüßten wieder und bogen dann auf eine Art Steinbruch ab. Diesen konnte man wegen der dichten Bäume von der Straße aus kaum erkennen.

Trident Juncture 2018 Gebirgspionierbataillon 8 Ingolstadt #TRJE2018 Norwegen
Trident Juncture 2018: Gebirgspionierbataillon 8 aus Ingolstadt in Norwegen - Soldat besteigt das Fahrerhaus eines Kippers MAN gl
Hier standen ein Dachs und weitere gepanzerte Fahrzeuge. Ein sehr hoher weißer Mercedes-LKW kam angerollt. "Sie fahren im LKW mit", wurde mir mitgeteilt. Man öffnete mir die Tür und ich blickte nach oben ins Fahrerhaus. Wie soll ich da reinkommen? Zunächst legte ich Stativ und Kamera in den Fußraum und bestieg dann die unterste Sprosse, die gefühlt in Brusthöhe positioniert war. Der Aufstieg klappte erstaunlich gut. War das die vielbesagte Karriereleiter? Ich sollte in der Mitte sitzen. Der Platz war deutlich höher als die Sitze von Fahrer und Beifahrer. Der Überblick war genial. Über die Spiegel konnte ich beobachten, wie die Pioniere große Ketten um die Räder legten. Es sollte glatt und eisig werden.

Brumm, Brumm - Dachs und anderes "Getier" setzten sich in Bewegung und fuhren unter Begleitung gelber Rundumleuchten auf die Landstraße. Mein weißer LKW fuhr kurz vor und zurück. Dann wurden noch einmal die Ketten nachgezogen. Klack, Klack, Klack - bewegten wir uns über die Landstraße und bogen bald nach rechts auf einen Sandweg ab. Am Rand stand der kleine schlammige Mercedesbus mit den Kranken und ein Dachs. Die nun folgende Strecke war tatsächlich vereist.

Trident Juncture 2018 Gebirgspionierbataillon 8 Ingolstadt #TRJE2018 Norwegen
Trident Juncture 2018: Gebirgspionierbataillon 8 aus Ingolstadt in Norwegen - Traute Gemeinschaft auf schlammigem Acker mit Kipper MAN gl (links), Gebirgspanzer Hägglund (zweiter von rechts) und Mercedes-Kipper des Bundeswehr-Fuhrparks - Man beachte die Ketten an den Rädern der beiden Kipper.
Wir holperten über den Weg und kamen zu einer großen Freifläche. Der Kommandeur der Gebirgspioniere hatte mir zuvor erklärt, dass der Eigentümer des Areals zuvor eine Rodung vorgenommen hatte. Als Gegenleistung für die Nutzung beim NATO-Manöver solle das Gelände anschließend als Acker nutzbar sein. So konnten sich die Pioniere mehrere Tage lang nach Herzenslust hier austoben: Wälle aufschütten, Wege gangbar machen, Bäume wegschieben, umgraben und welche Passagen der große Junge aus seinen Buddelkasten-Träumen immer schon nachholen wollte.

Mit Strahlen in den Augen erzählte mein LKW-Fahrer, dass er begeisterter Pionier sei. Zur Infanterie habe es wegen der T2-Musterung nicht gereicht. Plattfüße und Infanterie passen nicht zusammen. Die Musterungsstufen gehen von T1 bis T5, wobei die Zahlen analog der Schulnoten funktionieren. Brille und Plattfüße sind gleich T2. T5 ist körperlich untauglich und bei T1 stehen sämtliche Türen der militärischen Verwendung offen. Begeisterung für den Job war auch den anderen Pionieren anzumerken. Diese warteten bereits neben ihren dunkelgrünen Männerspielzeugen im Schlamm auf uns.

Trident Juncture 2018 Gebirgspionierbataillon 8 Ingolstadt #TRJE2018 Norwegen
Trident Juncture 2018: Gebirgspionierbataillon 8 aus Ingolstadt in Norwegen - Stilechte Pause im Schlamm
Der Spieß kam mit einem großen grünen Kipper angefahren: Endlich Essen! Die Suppe wurde stilecht auf der Schaufel eines Dachses platziert und an die hungrigen Kameraden ausgegeben. Ist Kasseler Schwein oder Rind? Keiner wusste die Antwort, so dass letztlich alle das aßen, was auf den Tisch - pardon die Schaufel - kam.

Während wir mit unserem LKW den winterlich glatten Weg genommen hatten, waren die Dachse querfeldein durch Wald und Flur angereist. Im winterlichen Schlamm leisteten uns letztlich zwei Dachse Gesellschaft. Vorne eine Schaufel zum Wegschieben von Erde und anderen Hindernissen und oben ein starker Arm mit großer Baggerschaufel. Das Inhalieren des Dieselduftes gehörte zur Abrundung des Ambientes. "Wollen Sie mal Panzer fahren?", fragte mich der Kommandeur. Ja, klar! Einer der Dachs-Fahrer zeigte mir den Einstieg durch die enge Seitenluke des metallischen Tieres. Nach dem Durchreichen von Rucksack, Stativ und Kameras klappte der Einstieg unerwartet gut. Ich durfte aus der oberen Luke schauen.

Trident Juncture 2018 Gebirgspionierbataillon 8 Ingolstadt #TRJE2018 Norwegen
Trident Juncture 2018: Gebirgspionierbataillon 8 aus Ingolstadt in Norwegen - Zwei Dachse ruhen sich aus vor der anstehenden Feldarbeit.
Was Kinder im Sandkasten mit "Brumm, Brumm" simulieren, erlebte ich nun in Natura. Der Panzer setzte zurück und holperte dann mit ordentlicher Geschwindigkeit über den Acker. Neben uns fuhr der zweite Dachs, in dem ein Fotograf der Bundeswehr stand. So hatten wir einen Mix aus Eigenansicht und Außenansicht. Eine geniale Bild-Kombination. Am Rand stand eine Familie und winkte uns freudig zu. Das müssen die norwegischen Besitzer gewesen sein. Überhaupt begegnete uns immer wieder ein hohes und freundschaftliches Interesse der Norweger an diesem Manöver.

Trident Juncture 2018 Gebirgspionierbataillon 8 Ingolstadt #TRJE2018 Norwegen
Trident Juncture 2018: Gebirgspionierbataillon 8 aus Ingolstadt in Norwegen - Dachs in Aktion
Beide Dachse hatten kurz darauf ihr Einsatzgebiet erreicht. Kleine bis mittlere Bäume wurden einfach umgefahren. Ratter, Ratter - die vordere Schaufel lockerte eine große Wurzel und wälzte diese anschließend mit jeder Menge Erde an eine vorgegebene Stelle. Der Dachs setzte mit Tempo zurück und pflügte die nächste Bahn um. Der Halt in der oberen Luke war erstaunlich gut. Selten griff ich nach der Befestigung für das Maschinengewehr und konnte aus sicherem Stand filmen und fotografieren. Es schneite.

Etwa zwanzig Minuten dauerte die Dachsfahrt. Dann wollte der Spieß nach Haltdalen zurück. Immerhin saßen Kranke in seinem Mercedesbus. Mit dem grünen Kipper MAN gl ging es bei Nebel und Schneegestöber hinunter zur Hauptstraße und dann mit dem Kleinbus zur Staging Area in Haltdalen. Die Staging Area beinhaltete den hinteren Gefechtsstand und das Zeltlager für die Reservetruppen.

Trident Juncture 2018 Gebirgspionierbataillon 8 Ingolstadt #TRJE2018 Norwegen
Trident Juncture 2018: Gebirgspionierbataillon 8 aus Ingolstadt in Norwegen - Zelte mit Aircondition im Zeltlager der Straging Area in Haltdalen etwa 100 km südlich von Trondheim und über zwei Autostunden nördlich der Frontlinie
Hatte die Pionierübung einen taktischen Sinn für das Manöver und den Kampf gegen Gruppe Blau? Nein. Ein Manöver hat verschiedene Zwecke zu erfüllen: Interaktion mit den Verbündeten, Auseinandersetzung mit Gegnern sowie die Ausführung von Lehreinheiten ohne Feindkontakt. Letzteres war auf diesem Gelände gelungen - irgendwo in Norwegen, viele Stunden südlich von Trondheim.

Video:
Begleitung der Gebirgspioniere aus Ingolstadt und Fahrt mit dem Pionierpanzer Dachs

Autor: Matthias Baumann

Sonntag, 4. November 2018

Trident Juncture 2018: Gebirgsaufklärer und der Fennek hinter den feindlichen Linien

Das kleine Städtchen Füssen liegt am Fuße des Bergzuges, auf dem das malerische Schloss Neuschwanstein erbaut ist. Eine reizvolle Gegend, aber touristisch überlaufen. So hatten die Soldaten vom Gebirgsaufklärerbataillon 230 beim NATO-Manöver Trident Juncture in Norwegen zumindest ein optisches Heimspiel. Allein die Massen an Touristen fehlten.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsaufklärerbataillon 230 Füssen Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsaufklärerbataillon 230 aus Füssen in Norwegen - getarnter Fennek vor einem in Falunrot gestrichenen Haus
Mein Tagesauftrag bestand in einer Begleitung des Aufklärer-Spießes an die vorderste Front. Er sollte seinen Leuten Essen, Medikamente und weitere schöne Dinge bringen. Anschließend sollte er mich an die Gebirgspioniere aus Ingolstadt übergeben.

Wer sich Orte und Strecken in Norwegen auf Google-Maps anschaut, unterschätzt die Entfernungen und die Besiedlung von Ortschaften. Der hintere Gefechtsstand mit einem großen Zeltlager befand sich in Haltdalen, etwa 100 km südlich von Trondheim. Von hier aus hatten die Truppen der Gruppe Rot vor einigen Tagen den Angriff nach Süden gegen die Gruppe Blau gestartet. Inzwischen waren sie mehr als zwei Autostunden nach Süden vorgedrungen. Diese Strecke mussten wir ihnen jetzt hinterherfahren.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsaufklärerbataillon 230 Füssen Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsaufklärerbataillon 230 aus Füssen in Norwegen - Freundschaftliche Zusammenarbeit zwischen Bewohnern und Manöver-Teilnehmern
In Haltdalen war angeregt über einen Fennek diskutiert worden. In diesem Falle ging es nicht um den kleinen weißen Wüstenfuchs (Vulpes zerda), sondern ein grünes zotteliges Panzerfahrzeug. Laut meiner Begleiter vom Fach ein perfektes Auto für verdeckte Aufklärungsaktionen. Die Form des Fenneks ist untypisch und daher nicht sofort identifizierbar. Mit Tarnnetzen, Nadelgehölz und herumhängenden Fransen kann die Form weiter verschleiert werden. Der kleine Fennek kann auch rückwärts sehr schnell fahren. Er kann laut oder leise und bietet Schutz gegen Beschuss mit Sturmgewehren.

Der kleine Fennek, der in Haltdalen beredet worden war, hatte drei Mann Besatzung und war inmitten einer britischen Einheit der Gruppe Blau abgetaucht. Er war mit der Aufklärung der feindlichen Pläne beschäftigt gewesen und sah sich plötzlich von den Gegnern umzingelt. Er stand in einer Bodenvertiefung, so dass sein flaches Dach weitestgehend unsichtbar war. Man machte sich Sorgen um die Besatzung. Wenn sie entdeckt würden, hatten sie keine Chance.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsaufklärerbataillon 230 Füssen Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsaufklärerbataillon 230 aus Füssen in Norwegen - Fahren durch die Winterlandschaft
Warten. Warten und ruhig verhalten. Bei solchen Aktionen spielen auch Witterung, Temperaturen und Untergrund eine große Rolle. Schmilzt das Eis und macht den Boden zu Matsch, ist eine größere Anstrengung zur Änderung der Position notwendig. Größere Anstrengung heißt auffälliges Motorgeräusch. So mussten die Aufklärer warten, bis der Boden an einem Morgen genau die richtige Konsistenz für ein lautloses Fortgleiten bot.

In der Ungewissheit des Wohlergehens von Fennek und Besatzung fuhren wir die Landstraße 30 Richtung Süden. Uns folgte ein kleiner LKW mit Wasser und Nahrungsmitteln. Die Soldaten vor Ort hatten seit Beginn der Übung mit ihren eigenen Vorräten haushalten müssen. Sie schliefen bei teilweise -20°C unter einer getarnten Plane auf Feldbetten. Das schon bei Dschingis Khan bekannte Trockenessen konnte mit heißem Wasser aufgegossen und als durchaus schmackhafter Brei verzehrt werden. Nun kam aber endlich der Spieß und damit das normale Essen: Ciabatta mit Frikadelle.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsaufklärerbataillon 230 Füssen Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsaufklärerbataillon 230 aus Füssen in Norwegen - Feldbetten und Schlafsäcke unter Plane und Tarnnetz
Die Aufklärer hatten ihr Lager im Schutz eines kleinen Gehöftes aufgeschlagen. Die Norweger waren sehr interessiert am Manöver und unterstützten, wo sie nur konnten. Ganze Familien kamen aus den Häusern, als Gefechte tobten und freuten sich, dass endlich mal was los war. Einige Einheiten durften sogar Stuben und warme Duschen benutzen. Ganz abgesehen von den Stromanschlüssen zum Nachladen der Handys. Apropos Handys. Das Mobilfunknetz ist in Norwegen so gut ausgebaut, dass man selbst in entlegenen Bergregionen besten Empfang hat.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsaufklärerbataillon 230 Füssen Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsaufklärerbataillon 230 aus Füssen in Norwegen - Tarnung mit unterschiedlichem Sichtschutz
Hinter großen weißen Strohballen hatte man den Kommandopanzer versteckt, ein Fennek stand neben einem in Falunrot gestrichenen Haus. Von wegen Schwedenrot - in Norwegen sind etwa 70% aller Häuser in Falunrot gestrichen und haben weiß abgesetzte Fenster, Türen und Terrassen. Die Plane für die Unterkunft war ebenfalls hinter weißen Strohballen aufgespannt und zusätzlich mit einem Tarnnetz gesichert. Von außen war da kaum etwas zu entdecken.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsaufklärerbataillon 230 Füssen Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsaufklärerbataillon 230 aus Füssen in Norwegen - Fennek nach dem erfolgreichen Verlassen des gegenrischen Kessels
Der kommandierende Major kam auf mich zu und erklärte einige Details zum Aufenthaltsort und den Gerätschaften. Hinter uns parkte ein zweiter Fennek. Der Fennek! Er trug eine rote Fahne und war gut belaubt. Am Bauch hingen Fransen und oben waren ein Maschinengewehr und diverse Sichtgeräte aufgeschraubt. Die drei Aufklärer waren erleichtert über den morgendlichen Ausbruch aus dem feindlichen Kessel. Die britische Einheit hatte bis zum Schluss nichts bemerkt. Vielleicht waren sie gedanklich mit dem bevorstehenden Ausbruch aus der EU beschäftigt. Überhaupt war immer wieder zu erfahren, dass die Briten sehr unkonzentriert kämpften und einen taktischen Fehler nach dem anderen begingen.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsaufklärerbataillon 230 Füssen Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsaufklärerbataillon 230 aus Füssen in Norwegen - getarnte Fahrzeuge in skandinavischer Landschaft, rechts der entkommene Fennek und links unser VW-Bus (Widder) mit dem weißen Kreuz für nicht am Gefecht beteiligte Versorger
Wer einen Hang zum Arbeiten im kleinen Team oder als Einzelkämpfer hat, ist bei den Gebirgsaufklärern genau richtig. Bewaffnet mit modernster Technik, Gewehr G36, Pistole P8 und robusten Fahrzeugen wie dem Fennek schleichen sie sich hinter die Frontlinie, ermitteln die wichtigsten Informationen über den Gegner, kalkulieren dessen mögliche Strategie und liefern diese wertvollen Daten an die eigentlichen Kämpfer. Erst wenn die Aufklärer fertig sind, geht das Gefecht los. Da sich die Positionen der Gegner regelmäßig verschieben, werden die Aufklärer permanent eingesetzt. Nervenkitzel pur für Männer und Frauen.

Aufklärer kämpfen nur, wenn sie sich selbst verteidigen müssen. Ihr Auftrag besteht in der Gewinnung von Informationen und nicht im Kampf. Ausnahme ist die opportune Begegnung mit einem Hochwert-Ziel, das nur genau zu dieser Zeit an diesem Ort mit wenig Aufwand vernichtet werden kann. Der Erfolg muss sicher sein, ansonsten Finger weg und die Sache den richtigen Kämpfern überlassen. Ein umsichtiger Kämpfer bewegt sich immer erst nach vorheriger Aufklärung der Feindlage.

Trident Juncture 2018 #TRJE2018 Gebirgsaufklärerbataillon 230 Füssen Norwegen
Trident Juncture 2018 - Gebirgsaufklärerbataillon 230 aus Füssen in Norwegen - Aufklärungspanzer Fennek vor einem Haus in Falunrot - Das rote Kreuz markiert die Gruppe Rot aus dem Norden.
Inzwischen schien die Sonne und bot ein perfektes Licht für Fotos in der skandinavischen Natur: hier ein Wüstenfuchs und dort ein Strohballen und da noch ein ... Huch, das sollte ich nicht fotografieren. Gelöscht!

Wir stiegen in unseren VW-Bus und fuhren wieder auf die Landstraße. Schneebedeckte Nadelbäume, kein Mensch weit und breit, kein Auto weit und breit und dann - ein Biber am Wegesrand. Aber das ist eine andere Geschichte.

Video:
Begleitung der Gebirgsaufklärer beim NATO-Manöver Trident Juncture 2018

Autor: Matthias Baumann

Dienstag, 23. Oktober 2018

Polnischer Präsident Andrzej Duda besucht seinen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier in Berlin

Der polnische Präsident Andrzej Duda wurde vor etwa zwei Jahren schon einmal mit militärischen Ehren im Schloss Bellevue empfangen. Damals noch in der Konstellation mit Joachim Gauck. Andrzej Duda ist seit August 2015 im Amt, Frank-Walter Steinmeier erst seit März 2017. So kommt der polnische Staatschef nun wieder in den Genuss eines solchen Empfangs.

Polnischer Präsident Andrzej Duda Berlin Bundespräsident Steinmeier
Polnischer Präsident Andrzej Duda bei strömendem Regen von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfangen
Andrzej Duda ist 46 Jahre alt und wurde in Krakau geboren. Im nächsten Jahr feiert er seine Silberhochzeit. Seine Frau ist Deutschlehrerin, was für den heutigen Besuch in Berlin durchaus praktisch ist. Auf dem politischen Parkett ist er ein Newbie (Neuling). Vor 13 Jahren erst trat er als juristischer Berater der aktuellen Regierungspartei PiS auf den Plan. PiS steht für Prawo i Sprawiedliwość und heiß übersetzt Recht und Gerechtigkeit.

So wie im politischen Kontext üblich, müssen die Namen nicht unbedingt mit den vermuteten Inhalten harmonieren. Je mehr von Volk und Demokratie in der Bezeichnung eines Staates aufgeführt wird, umso weniger ist von dessen Realitätsnähe auszugehen. So auch bei Recht und Gerechtigkeit im Sinne von PiS. Recht und Gerechtigkeit wollte die Partei mit Gesetzen unterfüttern, die es dem Justizminister erlauben, aktiv in die Struktur des Rechtswesens einzugreifen und Richter zu benennen oder abzusetzen.

Polnischer Präsident Andrzej Duda Berlin Bundespräsident Steinmeier
Polnischer Präsident Andrzej Duda in Berlin - 8.000-Euro-Instrument eines Mitglieds des Musikkorps der Bundeswehr aus Siegburg mit den Noten der polnischen Nationalhymne
Andrzej Duda trat bereits 2015 aus der Partei PiS aus und verweigerte sogar seine Unterschrift unter die fraglichen Gesetze. Der mutige Eingriff eines Präsidenten ins Tagesgeschäft der Regierung. Auch in Deutschland hat der Präsident ja eher eine statistische und repräsentative Funktion und mischt sich selten ins operative Geschäft des Bundestages oder des Kanzleramtes ein. Politprofi Steinmeier ist da allerdings nicht ganz so zurückhaltend wie Joachim Gauck.

Der polnische Präsident hinterließ heute seinen zweiten Eintrag im Gästebuch des Schlosses. Anschließend konnte das Ehepaar Duda beim gemeinsamen Mittagessen mit Frank-Walter Steinmeier und Elke Büdenbender seine Deutschkenntnisse anwenden. Beide Paare sind fast gleich lang verheiratet. Zum Kaffee begaben sich die beiden Präsidenten heute ins Auswärtige Amt. Ab 15 Uhr fand im dortigen Weltsaal das Deutsch-Polnische Forum statt.

Video:
Militärische Ehren für Polens Präsident Andrzej Duda

Autor: Matthias Baumann

Montag, 22. Oktober 2018

Kooperation und Kollaboration beim Kampf gegen Extremisten und terroristische Touristen

Es ist ruhig geworden um das Kalifat, das am 29. Juni 2014 ausgerufen worden war. Von den einstigen Kämpfern des Islamischen Staates (IS) leben nur noch etwa 10%. Das sind etwa 5.000 Personen. Diese sind entweder in ihre Heimatländer in Europa, Australien und Asien zurückgekehrt oder in Drittstaaten untergetaucht. Eine besonders große Anzahl hält sich in Süd- und Ostasien auf.

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hat jetzt zusammen mit der RSiS (S. Rajaratnam School of International Studies) ein umfangreiches Buch zum Thema herausgebracht: "Combatting Violent Extremism an Terrorism in Asia and Europe - From Cooperation to Collaboration". Zu Deutsch: Bekämpfung des gewalttätigen Extremismus und Terrorismus in Asien und Europa - von der Kooperation zur Kollaboration.

Während des Lesens wird der Unterschied zwischen Kooperation und Kollaboration deutlich. Gibt man in den Google-Translator die beiden Worte cooperation und collaboration ein, werden diese mit Zusammenarbeit übersetzt. Schauen wir uns die Worte genauer an, ist festzustellen, dass eine Kooperation die gemeinsame Durchführung von Operationen ist, eine Art projektbezogene Teamarbeit. Nach dem Projekt macht wieder jeder sein eigenes Ding. Bei der Kollaboration arbeiten die Beteiligten konstruktiv zusammen. Es wird also nicht nur ein Projekt abgewickelt und fertig, sondern es erfolgt eine mitdenkende aktive Zuarbeit der einzelnen Akteure.

Combatting Violent Extremism an Terrorism in Asia and Europe - From Cooperation to Collaboration
Combatting Violent Extremism an Terrorism in Asia and Europe - From Cooperation to Collaboration
Fernab der europäischen Medienwahrnehmung hat Asien inzwischen ein richtiges Problem mit islamistischem Terror. Besonders betroffen ist das größte islamische Land, Indonesien. Indonesien trennt mit seiner 3.000 Kilometer langen Ost-West-Ausdehnung das westliche Australien von den katholischen Philippinen und dem fernöstlichen Festland. Der IS - auch Daesh genannt - unterwandert in Asien gezielt die Universitäten und leicht zu gewinnende Regionen.

Der Druck ist inzwischen so groß, dass zwischen den sehr unterschiedlichen Staaten Kooperationen und sogar Kollaborationen entstanden sind. Durch eine konsequente Grenzsicherung wurde der Terror-Tourismus, insbesondere der so genannten Foreign Fighters (ausländische Kämpfer) auf ein Minimum reduziert. Durch einen regen Austausch der Geheimdienste und sonstigen Sicherheitsbehörden wurden viele Terroristen inhaftiert. Die Gesellschaften wurden in ihrer natürlichen Widerstandskraft (Resilienz) gefördert. Zeigen Mitarbeiter, Familienangehörige oder sonstige Bezugspersonen seltsame Änderungen in ihrem Verhalten, schrillen die Alarmglocken und es wird gegengesteuert.

Auch Europa ist übrigens von den in Asien wartenden Terroristen betroffen. So war ein Täter, der letztlich in Belgien zum Einsatz gekommen war, über folgenden Weg gereist: Frankreich, Großbritannien, Fernost, Deutschland, Belgien. Deshalb gehen Fluggesellschaften und internationale Polizeikräfte immer mehr dazu über, Profile von Reisenden zu erstellen. Durch einen Abgleich der Kreditkartendaten können weitere Netzwerke ermittelt werden, insbesondere dann, wenn ein bekannter Terrorist die Tickets für einen anderen kauft. Allein das Reiseprofil ist aber noch nicht aussagekräftig genug, da auch weltweit agierende Unternehmen oder Presseagenturen ihre Mitarbeiter kreuz und quer über den Globus reisen lassen.

Neu und besonders schwer zu greifen ist das Auftreten von Einzeltätern. Diese haben scheinbar keinerlei Beziehungen zu bekannten Terror-Netzwerken und zeigen oft auch keine Auffälligkeiten in ihrem sozialen Umfeld. Mit Alltagsgegenständen wie Autos verüben diese dann ihre Anschläge. Erst postmortale Recherchen fördern zu Tage, dass sich diese Personen radikalisiert hatten.

Die Radikalisierung kann alle Bildungs-, Berufs- und Gesellschaftsschichten betreffen. Bei der Divergenz der Personen gibt es jedoch eine Gemeinsamkeit: Brüche in der Biografie. Dadurch wird die Feststellung eines Fachgesprächs bestätigt, das bereits im März 2015 stattgefunden hatte.

Das Buch umfasst 182 Seiten und ist auf Englisch verfasst. Zur offiziellen Vorstellung im Hotel Palace war sogar der Verteidigungsminister von Indonesien, General Ryamizard Ryacudu, angereist. Das Buch geht noch auf viele weitere Aspekte der Bekämpfung extremistischer Denkmodelle und der damit verbundenen Ausführung terroristischer Aktionen ein. Der Leser lernt die Denkweisen und Entwicklungen eines typischen Terroristen kennen und erfährt, was Zivilgesellschaften, Regierungen und auch die UNO dagegen unternehmen.

Autor: Matthias Baumann