Freitag, 5. Juni 2026

Report Globale Flucht 2026 in der Bundespressekonferenz vorgestellt

Am Montag wurde der „Report GlobaleFlucht 2026“ in der Bundespressekonferenz vorgestellt. Prof. Dr. Petra Bendel von der Universität Erlangen-Nürnber, Dr. Franck Düvell von der Universität Osnabrück und Dr. Benjamin Etzold vom BICC – Bonn International Centre for Conflict Studies gaben ihre Einschätzung zum globalen Fluchtgeschehen ab und beantworteten die Fragen der Hauptstadtpresse.

Spannender jedoch als die einstündige Pressekonferenz mit den Herausgebern ist der Bericht selbst. Er umfasst etwa 300 Seiten und kann aufgrund seines angenehmen Schriftbildes und der kurzen Kapitel relativ schnell durchgelesen werden.

Das durchgängige Gendern auf Doppelpunkt:innen könnte den Leser zu der Annahme verleiten, dass der Bericht eine einseitig politische Schlagseite bediene. Dem ist nicht so. Die Beiträge sind weitestgehend nüchtern verfasst und wissenschaftlich fundiert. Durch regelmäßige Wechsel von Teilaspekten, Regionen, Blickwinkeln und Schreibstilen behält der Bericht bis zum Ende einen Spannungsbogen, der das vorzeitige Weglegen des Buches verhindert.

Während im öffentlichen Diskurs auf Messerkriminalität, Terrorismus, Sozialbetrug, Fachkräftemigration, Entwicklungshilfe oder aggressives Demonstrationsgeschehen fokussiert wird, ist Flucht eine viel komplexere Angelegenheit. Es ist durchaus sinnvoll, auch mal in den Kaukasus, nach Südafrika, in die Türkei, auf die Arbeit von Hilfsorganisationen, die Gesetzeslage, die Binnenflucht, regionale Besonderheiten, die Erderwärmung oder die Herausforderungen von Zielländern zu schauen. Der Bericht liefert genau dieses umfassende Bild. Damit stellt er eine gut informierende, wertvolle Lektüre dar, die die persönliche Einstellung untermauern, erweitern, prüfen oder nachjustieren kann.

Neben dem Mythos, dass Deutschland weltweit die meisten Geflüchteten aufgenommen habe, räumt der Bericht auch mit dem Mythos auf, dass der Klimawandel ein maßgeblicher Fluchtgrund sei. In mehreren Beiträgen wird untersucht und bestätigt, dass der Klimawandel nur als ein kleiner Hebel in Ergänzung zu anderen Gründen wie Krieg und Vertreibung fungiert.

Zwei Drittel aller Fluchtbewegungen finden innerhalb eines Landes statt. Diese Binnenflucht kann auch temporär erfolgen, wenn beispielsweise Wirbelstrürme oder Überschwemmungen eingetreten waren. Dem gegenüber haben etwa 40 Millionen Menschen im Jahr 2025 tatsächlich die Grenzen ihres Landes überschritten. Menschen aus Süd- und Zentralamerika ziehen nach Norden und bleiben derzeit in Mexiko stecken. Menschen aus Zentralafrika ziehen in Richtung Südafrika. Menschen aus der Sahelzone und Nordafrika nehmen die Routen über Ägypten in die Türkei. Auch Marokkaner, Palästinenser und Afghanen begeben sich oft in die Türkei, um von dort über Griechenland in die EU zu gelangen. Viele stranden aber auch unterwegs und bleiben in Ägypten, Jordanien oder der Türkei. Das belastet die Zielländer enorm, da selten entsprechende Aufnahmekonzepte existieren.

Weltweit ist zu beobachten, dass die Hilfsbereitschaft sinkt. Oftmals gehen die Menschen wieder in ihre Heimatländer zurück, weil die Bedingungen in den Zufluchtsländern noch schlechter und aussichtsloser geworden sind als in ihrer Heimat. In kaum einem Land dürfen Geflüchtete arbeiten. Das verschärft innerhalb der aufnehmenden Gesellschaft den Eindruck der sozialen Ungerechtigkeit. Auch in Deutschland und der EU gibt es kein belastbares Konzept. Es gibt keine Risikobewertung und keine Exit-Strategie. Deshalb doktert die Politik seit Jahren unkoordiniert an den Symptomen herum, während Probleme verklärt, geschönt, kleingeredet, negiert oder tabuisiert werden. Das Ergebnis sind gesellschaftliche Spannungen und eine ablehnende Haltung gegenüber den Menschen, die Hilfe und Zuflucht suchen. Das Beispiel Südafrika zeigt allerdings, dass Konzepte und eine entsprechende Gesetzeslage letztlich auch nur so gut sind, wie ihre tatsächliche Umsetzung. In Südafrika ist ein neuer Rassismus entbrannt: von einheimischen Schwarzen gegenüber zugewanderten Schwarzen. Das wird „Afrophobie“ genannt.

Wünschenswert wäre deshalb gewesen, dass der Bericht mehr auf die Bestandsgesellschaften der Ziel- und Transitländer eingeht. Es werden zwar ablehnende Haltungen und Maßnahmen zur Verminderung der Migrationsströme aufgezeigt, aber nur wenige Ansätze geliefert, wie das Thema Flucht eine breite Akzeptanz bei den Gastgebern gewinnen kann.

Autor: Matthias Baumann