Mittwoch, 13. April 2016

Verfügbarkeitsmanagement bei der Bundeswehr

Wenn Matthias Bannas vom BDWi zum Berliner Pub Talk einlädt, geht es kontrovers zu. Politisch Grüne und Schwarze oder Rosafarbene und Gelbe prallen aufeinander und diskutieren über Wohnungspolitik, das bedingungslose Grundeinkommen, Volksentscheide, Deutschland ohne Öl, Berlin als Fahrradstadt, die Lebensmittelbranche, Nudging und vieles mehr. Neben den Kontrahenten stehen zwei leere Stühle für Fragesteller oder Koreferenten aus dem Publikum bereit. Eine Herausforderung an die Moderation, die bisher immer glanzvoll gemeistert wurde.

Heute ging es deutlich harmonischer zu. Es waren Dr. Hans-Peter Bartels, Wehrbeauftragter des Bundestages, und Harald Kujat, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr, eingeladen. Beide waren sich in der Sache einig: "Schlecht und falsch ausgerüstet".

Pub Talk Wehrbeauftragter Bartels Generalinspekteur Kujat
Pub Talk (vlnr.) Wehrbeauftragter Bartels, Moderator Schapke, General a.D. Kujat, Matthias Bannas
Hinter dem schönen Begriff des Verfügbarkeitsmanagements verberge sich die Verwaltung des Mangels bei der Bundeswehr. Statt der benötigten Ressourcen von 100% plus 30% Reserve habe man sich inzwischen auf 70% heruntergespart. Ersatzteile werden nicht einfach aus dem Depot geholt und ersetzt, sondern fehlen dann oftmals über den Zeitraum der Reparatur.

So komme es vor, dass sich Truppenteile gegenseitig behilflich sein müssen. Das fördert die Kameradschaft und trainiert das Improvisationstalent. Überhaupt habe sich General Kujat mit dem damaligen US-Verteidigungsminister Rumsfeld gegenseitig bezüglich der Soldaten hochgezogen. Die USA habe die bessere Ausrüstung, Deutschland habe die besseren Soldaten. In diesem Tenor äußerte sich Harald Kujat beim Pub Talk insbesondere bezüglich der Kreativität der Bundeswehrangehörigen bei der Meisterung ihrer Aufgaben mit nur 70% der notwendigen Ausrüstung.

Die Soldaten geben durchaus Zustandsberichte über den normalen und überspringenden Dienstweg weiter. Es wird nur eben unterwegs "Ebenen gerecht formuliert". In Portugal sei eine Einheit von Offizieren stationiert, die in den unterschiedlichen Einsatzszenarien auftaucht und die erkannten Engpässe ungeschminkt und direkt nach oben weitergibt.

Nach dem Kalten Krieg habe man kontinuierlich die Rüstungsausgaben gekürzt, da die "Einsatzwahrscheinlichkeit" nahe Null ging. Erst 2008 wurde man im Rahmen des Georgienkonfliktes wieder etwas wach, hatte es aber als "Zwischenschauspiel" betrachtet. Dann ging es mit der Annexion der Krim und der Etablierung von Rebellengruppen in der Ukraine weiter. Die weltweit aktive Bundeswehr hat aber auch international ihre Engpässe. Die Ausrüstung für Mali sei unverantwortlich unterdimensioniert, da die vorgesehenen Großgeräte noch im Afghanistaneinsatz seien. Mali sei jedoch ein Beispiel für die gute Teamarbeit der EU-Armeen. Nur Frankreich mache gerne ihr eigenes Ding und Großbritannien orientiere sich eher über den Atlantik, was in bestimmten Situationen aber auch gewisse Vorteile bietet.

"Strecken, schieben, streichen" war in den letzten Jahren das Motto der Bundeswehrausstattung. Inzwischen habe sich eine Trendwende eingestellt, die ein stetiges Wachstum der Rüstungsausgaben gemessen am Bruttoinlandsprodukt vorsehe. Damit entsteht das Potenzial, dass nicht mehr hin und her geschoben, sondern tatsächliche Kampfkraft aufgebaut wird. Dazu warf ein Vertreter der Rüstungsindustrie ein, dass auch die Unternehmen ihre Kapazitäten verringert hätten und damit eine gewisse Anlaufzeit benötigen. Hinzu kämen die langen Angebotsläufe, die sich bei zwischenzeitlichen technischen Innovationen oder Änderungen weiter verzögern. Dass die Interessen von Parlament und Bundeswehr gelegentlich differieren, drückte General Kujat folgendermaßen aus:

"Nicht das Parlament entscheidet, ob es sich um einen Kampfeinsatz handelt, sondern der Gegner".

Zehn Minuten Pause, zweimal dreißig Minuten Talk, ein Thema und Harmonie auf dem Podium. Der zweite Teil des Themas "Wie einsatzfähig ist die Bundeswehr" wurde durch das Improvisationstalent und die geringe Einsatzwahrscheinlichkeit als nicht sehr kritisch eingestuft. Der oben genannte Rüstungsexperte sagte bei der Verabschiedung, dass auch eine Ausstattung von 70% noch sehr viel ist und für den Ernstfall ausreichend sein kann.

Den persönlichen Ernstfall erlebten wohl einige Teilnehmer nach dem Verlassen der Location. Das Ordnungsamt war nämlich mit voller Ausrüstung im Kampfeinsatz gegen abgelaufene Parkscheine unterwegs.

Autor: Matthias Baumann

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