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Freitag, 1. Juli 2022

NATO-Gipfel 2022 in Madrid mit weitreichenden Entscheidungen

Am Akkreditierungszentrum herrschte Urlaubsstimmung. Zahllosen Bussen entstiegen Spanisch sprechende Medienvertreter: gekleidet und bepackt, als würden sie gleich im Hotel auf Mallorca einchecken wollen. 30 Grad Celsius, kaum Wolken am Himmel, Jounalisten mit Anzug ganz klar overdressed. Die Spanier stiegen in andere Busse um, die von jeweils zwei Motorrädern zur benachbarten Messe eskortiert wurden. Nur wer das passende Badge hatte, das dann auch noch mit dem Pass übereinstimmen musste, wurde in den Shuttle-Bus gelassen.

NATO-Gipfel vom 28. bis 30. Juni 2022 in Madrid - Beflaggung der City von Madrid
NATO-Gipfel vom 28. bis 30. Juni 2022 in Madrid - Beflaggung in der City von Madrid

Das Messegelände neben dem Flughafen war abgesichert wie eine Festung. Es mussten mehrere Schleusen passiert werden. Polizeibusse mit Steinwurfschutz, multifunktionale Schützenpanzer Pegaso BMR mit blauer Polizeilackierung, Slaloms, wurfbereite Krähenfuß-Seile, Sturmgewehre und weitere Maßnahmen hätten einen unbefugten Zutritt schon an der Peripherie verhindert. Auch im Zentrum des Geschehens immer wieder sorgfältiges Prüfen der Badges. Die Messehalle 4 war durch andere Messehallen abgeschirmt, so dass auch die Fußwege vom Shuttle-Bus aus recht lang waren. Vorher ging es natürlich noch durch eine Durchleuchtungsanlage und die manuelle Prüfung von Kameras und Notebooks.

NATO-Gipfel vom 28. bis 30. Juni 2022 in Madrid - umfangreiches Sicherheitskonzept
NATO-Gipfel vom 28. bis 30. Juni 2022 in Madrid - umfangreiches Sicherheitskonzept - hier: Absicherung des Königspalastes anlässlich des Gala-Dinners

Das Sicherheitskonzept wirkte generalstabsmäßig organisiert und funktionierte auch bezüglich des Faktors Zeit sehr gut. Wer die NATO allerdings nur von der operativen Seite her kennt, wird erstaunt gewesen sein, so gut wie keine Uniformträger auf dem Gipfel gesehen bekommen zu haben. Wenige 3-Sterner oder 4-Sterner liefen in seltenen Fällen durch die Kameras. Aber auch die begleitenden Außenminister und Verteidigungsminister waren selten zu sehen. Dafür waren aber die Staats- und Regierungschefs deutlich präsenter. Je nachdem, wer im jeweiligen Land für das operative Tagesgeschäft zuständig ist, war in Madrid erschienen. Bei Frankreich, Litauen und den USA waren es die Präsidenten. Bei Estland, Deutschland oder Schweden waren es die Ministerpräsidenten oder Kanzler.

Bundeskanzler Olaf Scholz hatte Außenministerin Annalena Baerbock, Verteidigungsministerin Christine Lambrecht und seinen Berater Jens Plötner mitgebracht. Während Christine Lambrecht so gut wie gar nicht in Erscheinung trat, scheute Annalena Baerbock die Presse nicht. Zudem intensivierte sie den guten Draht zu ihren Kollegen. Annalena Bearbock hat schon aus privatem Hintergrund erhebliche Kompetenzen im Umgang mit Putin. In einem Buch über Kindererziehung hatte ein US-Diplomat berichtet, dass ihm die Erfahrungen mit seiner pubertierenden Tochter weit mehr beim Umgang mit russischen Verhandlungspartnern gebracht habe, als sämtliche diplomatische Lehreinheiten.

Der internationale Presseandrang war groß: im Medienzentrum waren 950 Arbeitsplätze mit Tisch, Steckdosen und LAN-Kabel eingerichtet. Hinzu kamen unzählige Video-Schnitt-Kabinen und Plätze für Interviews. Gefühlt waren vorrangig osteuropäische und spanische Medien vor Ort. Deutsch war nur selten zu hören. Wahrzunehmen waren in den drei Tagen nur die großen Medien wie ARD/Phoenix, dpa oder WELT.

Der 28. Juni 2022 als erster Tag des Gipfels bestand aus Vorgeplänkel: NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg und Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez machten einen Rundgang durch Messehalle 4. Anschließend eröffneten sie in kleiner Runde den Gipfel. Dann gesellte sich noch König Felipe VI. mit einer Rede hinzu und dann flogen die ersten Staatsgäste auf dem benachbarten Flughafen ein. US-Präsident Biden und der türkische Präsident Erdogan hatten ihre eigenen Fahrzeuge mitgebracht. Möglicherweise wussten sie, dass die VIPs in Madrid mit unauffälligen oder betagten Autos wie Audi A4, Ford Mondeo oder über 12 Jahre alten Oberklasselimousinen von BMW und Mercedes durch die Stadt chauffiert werden sollten. Am Abend gab es das erste große Zusammentreffen der Entscheidungsträger bei einem Gala-Dinner im Schloss des Königs.

NATO-Gipfel vom 28. bis 30. Juni 2022 in Madrid - Gala-Dinner im Königspalast mit König Filipe VI.
NATO-Gipfel vom 28. bis 30. Juni 2022 in Madrid - Restaurant mit Blick auf den Königspalast, wo gleich das Gala-Dinner mit König Felipe VI. beginnen sollte.

Der zweite Tag des Gipfels begann sehr früh. Wer noch Hoffnung auf eine der begehrten Pool-Karten für die Bildpositionen des Tages hatte, wollte spätestens um 7 Uhr auf dem Messegelände sein. Diese wurden jedoch nur an große Agenturen, große Sender und Spanier verteilt. Wer Spanisch sprach, war hier klar im Vorteil. Selbst große Teile des Servicepersonals sprachen nur Spanisch. Das war sehr unpraktisch, wollte man sich gegen die mehreren Hundert Kollegen durchsetzen. So mussten viele Bildjournalisten das Geschehen über die großen Videowände verfolgen: Es begann mit der etwa zweistündigen Vorfahrt der Staatsgäste und Delegationen. Es folgten Einzelfotos mit Staatsgast, Jens Stoltenberg und Pedro Sánchez. Den Abschluss bildete immer Joe Biden. Dann gab es das obligatorische Gruppenfoto und der eigentliche Gipfel konnte beginnen.

Am Nachmittag reisten ausgewählte Staats- und Regierungschefs aus Partner-Ländern und dem Indo-Pazifik an. Als Partner der NATO zählen Staaten, die keine Mitglieder sind, aber einen Partnerstatus haben. Österreich nahm zwar nicht am Gipfel teil, ist aber solch ein NATO-Partner. Auch die beiden Ministerpräsidentinnen von Finnland und Schweden reisten an. Bereits am Montag hatte man den türkischen Präsidenten Erdogan zu einer Billigung der NATO-Mitgliedschaft von Schweden und Finnland bewegen können. Finnland und Schweden waren als Nachbarn von Russland sehr an einer Mitgliedschaft interessiert. Dieser Neuaufnahme wurde dann tatsächlich noch an demselben Tag zugestimmt. Getreu dem Spruch: "Aus Russland kommt nichts Gutes, außer dem Wetter.", hat Finnland eine lange Tradition der Resilienz gegen russische Gebietsgelüste. Auch bei der Abwehr russischer Desinformation kann Deutschland noch viel von Finnland lernen. Laut Olaf Scholz passen Finnland und Schweden gut zum Bündnis und stellen eine Bereicherung für die NATO dar. Den Ausklang des Tages bildete ein "informelles transatlantisches Abendessen" im Prado-Museum.

NATO-Gipfel vom 28. bis 30. Juni 2022 in Madrid - NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg stellt das neue strategische Konzept der NATO vor.
NATO-Gipfel vom 28. bis 30. Juni 2022 in Madrid - NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg stellt das neue strategische Konzept der NATO vor.

Der dritte und letzte Tag des NATO-Gipfel startete recht entspannt. Bis halb 10 Uhr trafen die Staatsgäste und deren Delegationen ein. Begleitet von Vogelgezwitscher schlenderten die nachgeordneten Delegierten zum Tagungsort. Während sich der Saal füllte, bewunderte der Ministerpräsident von Luxemburg, Xavier Bettel, die Frisur seiner Kollegin aus Estland, Kaja Kallas - ein wahrer Charmeur. Dann setzten sich die Entscheidungsträger und unterzeichneten den "NATO Innovation Fund Letter of Commitment" (Verpflichtungserklärung zum NATO-Innovationsfonds). In den folgenden drei Stunden tagten die NATO-Mitglieder weiter, während sich vor den verschlossenen Türen bereits ein reges Treiben zur Vorbereitung der Abschluss-Pressekonferenzen entfaltete. Den nationalen Staatschefs standen dafür separate Konferenzräume zur Verfügung. Den Auftakt im großen Pressekonferenzraum bildete NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Festgestellt und beschlossen wurde Folgendes:

- Lage hat sich massiv verändert.
- Schweden und Finnland treten der NATO bei.
- Ukraine wird langfristig unterstützt.
- Verabschiedung eines neuen strategischen Konzeptes der NATO
- Wichtigkeit des Klimaschutzes und Einrichtung eines Klimafonds
- Erhöhung der nationalen Verteidigungsausgaben
- Erhöhung des NATO-Budgets
- Stärkung der strategischen Partnerschaften - auch im Indo-Pazifik
- Herausforderungen im Mittleren Osten, Nordafrika und Sahel
- Diese Region hat Einfluss auf unsere Sicherheitslage - insbesondere durch Terrorismus
- Kampf gegen Terrorismus in all seinen Facetten
- Stärkung des Informationsaustauschs zwischen den Nachrichtendiensten
- Verhinderung der Rückkehr des IS im Irak
- Verteidigungspaket für Mauretanien (gegen illegale Migration und Terrorismus)
- Unterstützung für Tunesien und Jordanien
- Lösungsansätze zum Export von Getreide aus der Ukraine
- NATO-Gipfel 2023 in Vilnius, Litauen, geplant.

Kaum hatte Jens Stoltenberg die Bühne verlassen, wurden die spanische, sowie die NATO- und EU-Fahne aufgestellt und der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez stellte sich der Presse. Mit einem mehrfach und optisch nachdrücklich vorgetragenen "We have to clean the room!" (Wir müssen den Raum säubern!) wurde anschließend die gesamte Presse samt Taschen, Notebooks und sonstiger Ausrüstung aus dem Raum "getrieben". Dann wurden das markante Rednerpult und die Teleprompter des US-Präsidenten auf die Bühne geschafft und per Maßband auf dessen Redegepflogenheiten einjustiert. Das bekannte Wappen wurde aus einem gepolsterten Samtsäckchen geholt und am Pult eingehakt. An der Tür wartete bereits die White House Press mit überdimensionierten Pool-Karten um den Hals. Dahinter folgten die weniger privilegierte Restpresse, die eine rote Poolkarte für die Pressekonferenz mit Joe Biden hatte ergattern können.

14 Uhr: Hubschrauber über dem Areal, brütende Hitze, davoneilende Medienvertreter, Jute-Beutel mit Madrid-Werbung und Stau im Umkreis des Messegeländes. Ein als historisch eingestuftes Ereignis ging zu Ende.

Autor: Matthias Baumann

Video zu 3 Tagen NATO-Gipfel in Madrid


Donnerstag, 2. Juni 2022

46. VDL-Kongress: Aus Zeitungen werden Medien

Printmedien kämpfen seit einigen Jahren um ihre Existenz. Nur wenige dieser Verlage arbeiten noch rentabel. Bedrohlich für die Branche ist auch der Zuwachs bei den Papierpreisen. Diese seien in den letzten Monaten um 250% gestiegen. Die Lokalzeitungen in Deutschland sind in der Regel mittelständische Unternehmen ohne eine breite Diversifizierung von Geschäftsfeldern, so dass sie besonders sensibel auf derartige Entwicklungen reagieren. Der Springer-Verlag hatte diese Entwicklung schon vor sieben Jahren erkannt und sich aktiv mit der Disruption in der Medienlandschaft beschäftigt. Als Ergebnis der Analysen hatte der Verlag das noch vorhandene Kapital genutzt, branchenfremde Unternehmen aufzukaufen, disruptive Akteure in das Firmenkonstrukt zu integrieren und damit eine breite Basis für das wirtschaftliche Überleben zu schaffen.

Der um 2016 inflationär genutzte Begriff der Disruption beinhaltet, dass etablierte Unternehmen so lange ihre kleinen, innovativen Wettbewerber von oben herab belächeln, bis diese plötzlich den Markt beherrschen und die etablierten Firmen kaum noch eine Überlebenschance haben. Diesem Szenario sehen sich die Lokalzeitungen nicht nur in Deutschland ausgesetzt und versuchen nun mit verschiedenen Mitteln gegenzusteuern. Ein erster Schritt war die gestrige Umbenennung von Verband Deutsche Lokalzeitungen in Verband Deutsche Lokalmedien. Der Charme dieser Umbenennung besteht nicht nur in der verbalen Erweiterung des Produktspektrums, sondern auch in der Beibehaltung der Abkürzung VDL.

Medienpolitische Stunde mit Bundeskanzler Olaf Scholz

Als großes Hoffnungszeichen wertete der Verband den Besuch von Bundeskanzler Olaf Scholz zur "Medienpolitischen Stunde" während des 46. VDL-Kongresses. Die "Medienpolitische Stunde" dauerte zwei Stunden und war insbesondere durch die anschließende Talkrunde mit Bundestagsvize Kubicki sehr unterhaltsam. Wobei auch Olaf Scholz bisher selten so locker in Erscheinung getreten war. Dass es während seiner Rede um das dbb-Forum herum donnerte und blitzte, muss wohl Zufall gewesen sein.

Olaf Scholz betonte mehrfach die Wichtigkeit der Pressefreiheit, die Vielfalt der Medienlandschaft und die Bedeutung des Informationsmittels Zeitung. Er selbst lese die klassische Papierzeitung und die Zeitung als E-Paper. Ihm und seinem Ampel-Kollegen Wolfgang Kubicki sei es wichtig, die Zeitung auch elektronisch so zu lesen, wie man es von der Printausgabe gewohnt sei. Das betreffe insbesondere die Einteilung des Layouts. Offensichtlich liegt das am Alter. Wolfgang Kubicki konnte sich gar nicht so recht erinnern, wie alt er ist, legte sich dann aber auf 70 fest und meinte, er sehe noch aus wie 60.

Zu Beginn seiner Rede ging der Bundeskanzler auf die Gleichschaltung der Medien in Russland ein. Derzeit werde die russische Bevölkerung von früh bis spät mit der "Putin-Show" berieselt, die ihre eigene Version der Wahrheit verbreite. Da sämtliche freie Medien abgeschaltet seien und auch das Internet reguliert werde, bestehe kaum noch eine Möglichkeit, andere Versionen der Wahrheit zu empfangen. "Desinformation wirkt ... Verbrechen werden möglich", waren die ungewohnt emotional vorgetragenen Worte des Kanzlers. Er ging auch auf den stärker werdenden Wunsch nach Autokratie in Deutschland ein. Damit löse man aber nicht das Problem langer Entscheidungsprozesse, sondern gebe lediglich einer schnelleren Beseitigung von Widerständen Raum.

Kanzler schätzt den Wert der Medien für das Gemeinwohl

Wer in der demokratischen Politik unterwegs sei, müsse mit medialer Kritik leben können. Die Angriffe, die jede Woche auf ihn einstürmten, seien in der Menge vergleichbar mit den Angriffen, die ein Normalbürger auf sein ganzes Leben verteilt bekomme. Der Kanzler wisse den Wert der freien Medien für das Gemeinwohl zu schätzen und unterstütze deren Vielfalt. Es müsse möglich sein, weiterhin "mit Content Geld zu verdienen". In der Talkrunde kam der Kanzler leider etwas weniger zu Wort, da Dr. Wolfgang Röhm von der Sindelfinger/Böblinger Zeitung ein erhöhtes Mitteilungsbedürfnis hatte. Olaf Scholz grinste dazu nur verschmitzt in die Reihen der Zuschauer.

"Ich antworte immer ordnungsgemäß und umfassend.", war die Antwort des Kanzlers auf den Vorwurf, er werde nie wirklich konkret. Diesen Vorwurf bestätigte anschließend auch Wolfgang Kubicki, der meinte, Olaf Scholz habe auf keine der gestellten Fragen wirklich geantwortet. Die FDP ist hier besonders kritisch, da dort immer noch gedanklich der Wirecard-Untersuchungsausschuss mitschwingt.

Wolfgang Kubicki und der Erziehungsjournalismus 

Es war ein Genuss zu sehen, wie Wolfgang Kubicki den Spieß umdrehte und dem Moderator das Heft aus der Hand nahm. Wobei der FDP-Politiker aus Holstein mit vielen Befindlichkeiten des VDL konform ging.

Besonders viel Applaus bekam er für seine Aussagen zu den Öffentlich-Rechtlichen. Diese leiden unter Zuschauerschwund, möchten aber immer mehr Geld haben. Ganz abgesehen von der Wettbewerbsverzerrung durch gesicherte Finanzierung seitens der Allgemeinheit, werde ein verstärktes Wildern in den klassischen Zeitungsfeldern festgestellt. Redaktionelle Artikel im Internet gehen dem VDL zu stark über das Maß von Rundfunk und Fernsehen hinaus. Wolfgang Kubicki kritisierte die tendenziöse Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Medien als "Erziehungsjournalismus". Statt kritisch zu hinterfragen, seien die Journalisten darum bemüht, mit der "richtigen Haltung" zu glänzen. Das Wettbewerbsproblem könnte laut des Juristen Kubicki wirkungsvoll durch ein Werbeverbot gelöst werden. Dieses hätte den Effekt, dass Werbetreibende nach anderen Wegen suchen müssten und dann folglich zu den freien Medien gehen.

Überhaupt sprach sich Wolfgang Kubicki für Diskurs statt Ausgrenzung und Moralisierung aus. Als Jurist mit Schwerpunkt Strafrecht müsse er sich in beide Konfliktparteien hineindenken können, was einen entsprechenden Überblick und eine möglichst unabhängige Bewertung fördert. Diese Herangehensweise wäre wünschenswert für die Presse und auch für den politischen Alltag. So habe er in Schleswig-Holstein damit Erfolge erzielt, dass er in einen Diskurs mit der AfD gegangen sei, statt diese ungehört auszugrenzen. Obwohl dieses Verhalten in Demokratien normal sein sollte, habe das aber bisher wenig Schule gemacht - insbesondere, was den Bundestag betreffe. Überhaupt habe Deutschland ein angeschlagenes Selbstbewusstsein, das permanent mit Moral zu kompensieren versucht werde. Er selbst setze sich jedenfalls für die freie Presse und eine angemessene Reduzierung der Rundfunkgebühren ein.

Der gerne missverstandene Wolfgang Kubicki hat gerade ein Buch herausgebracht, das sich mit Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und medialen Einflüssen beschäftigt: "Meinungsfreiheit: Das gefährliche Spiel mit der Demokratie". Das Buch ist unter anderem bei Amazon erhältlich. Amazon gehört übrigens neben Twitter und Google zu den weiteren disruptiven Kräften, denen sich die Mitglieder des VDL ausgesetzt sehen.

Autor: Matthias Baumann

Mittwoch, 23. März 2022

Dreifach-Gipfel von NATO, EU und G7 in Brüssel

Das ist sportlich und ein Novum: drei miteinander kombinierte Gipfeltreffen an nur zwei Tagen in Brüssel. Der Gipfel beginnt morgen. Auch Joe Biden hat seinen Besuch angekündigt. Bei NATO und EU gibt es viele personelle Überschneidungen. Für G7 kommt noch Japan dazu. G8 rückt in weite Ferne, da der Achte am Tisch Russland gewesen wäre. In Brüssel wird nicht mit, sondern über Russland geredet. Der ukrainische Präsident wird per Video zugeschaltet.

Ein Thema: Ukraine

Der Krieg in der Ukraine mit seinen sämtlichen volkswirtschaftlichen, sicherheitspolitischen und humanitären Facetten steht als einziger Hauptpunkt auf der Agenda. Plötzlich sind auch Energie und Umweltschutz Themen, die unmittelbar mit Putins Entscheidungsvorlagen verknüpft sind. Während es in der heutigen Pressekonferenz noch hieß, dass ein Öl-Embargo nicht auf der Agenda stehe, forderte Putin etwa zeitgleich, dass russische Öl- und Gaslieferungen nur noch in Rubel zu bezahlen seien. Dazu müssten mehr Rubel mit Euro und Dollar gekauft werden, als in den westlichen Banken verfügbar sind. Das hätte den Effekt, dass der Kurs des Rubels wieder stiege und fehlende Rubel über die sanktionierten russischen Banken beschafft werden müssten.

Energetisches Eigentor

Dieser Effekt kann jedoch nicht von langer Dauer sein, da Wirtschaftsminister Habeck schon ein sogenanntes "Osterpaket" in der Hinterhand habe, das erhebliche Änderungen bei der Energiegewinnung erahnen lässt. Mittelfristig wird also an der Entbehrlichkeit des wichtigsten russischen Exportrohstoffes gearbeitet, womit sich Putin ein Eigentor geschossen haben dürfte. Mit seinem Rubel-Wunsch wird er diesen Prozess beschleunigen. Die Bundesregierung prüfe mit Hochdruck sämtliche Wirtschaftszweige auf russische Abhängigkeiten und suche aktiv nach Alternativen.

Schnell und harmonisch

Überhaupt sei das der erste Fall, in dem so umfangreich, schnell und einvernehmlich Sanktionen gegen einen Staat und dessen Verantwortliche umgesetzt wurden. Aktuell befinde man sich in der Anwendung des vierten Sanktionspaketes. China und Länder aus der Golfregion werden derzeit beobachtet, inwiefern sie Schlupflöcher für Russland schaffen. Normalerweise ist es wegen nationaler Gesetzgebungen gar nicht so einfach, breit angelegte Sanktionen durchzuziehen. Im Falle von Russland herrscht jedoch eine hohe Einigkeit und die Zielpersonen finden sich auf vielen nationalen Sanktionslisten wieder. Am empfindlichsten macht wohl Frankreich von seinen gesetzlichen Möglichkeiten Gebrauch.

NATO und EU

Beim Dreifach-Gipfel wird es ferner um Lieferketten, Versorgung mit Nahrungsmitteln, Verteilung von Flüchtlingen und die Unterstützung von Georgien und Moldau gehen. Die Neuaufstellung der NATO soll diskutiert und der NATO-Gipfel im Juni 2022 in Madrid vorbereitet werden. Zudem ist eine gemeinsame EU-NATO-Erklärung geplant. Durch den einseitigen Bruch der NATO-Russland-Grundakte sieht sich nun auch die NATO veranlasst, einige der Punkte etwas flexibler auszulegen und permanente Stützpunkte an der Ostflanke einzurichten. Ein Sprecher der Bundesregierung erklärte auch, was es mit der einen Milliarde Euro der EU für Waffenlieferungen an die Ukraine auf sich hat. Wenn demnach ein EU-Staat Waffen im Wert von 500.000 Euro an die Ukraine liefere, könne er sich die Kosten aus diesem Topf erstatten lassen. Deutschland habe diese Option aber bisher noch nicht genutzt.

Auch hier wird deutlich, dass Putin sich verkalkuliert hat: Die Einheit des Westens ist gestärkt. Bürokratie wird im Eiltempo reformiert und Lösungen werden schnell, effizient und zielstrebig angegangen. Geht doch, wenn es sein muss!

Autor: Matthias Baumann

Mittwoch, 17. Januar 2018

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz zum Antrittsbesuch bei Bundeskanzlerin Merkel

"Jung trifft alt", war der erste Kommentar zum Video mit Sebastian Kurz. Sebastian Kurz ist erst seit Kurzem im Amt. Der 31-Jährige fungiert seit einem Monat als Bundeskanzler von Österreich.

Heute besuchte er seine 63-jährige Amtskollegin in Berlin. Der aus Wien stammende Kanzler umwarb die "Mutti" mit den Stilmitteln der Jugend. Die Damen und Herren seiner Delegation zeigten sich gewohnt charmant. Handkuss für Angela Merkel.

Ob Sebastian Kurz Angst vor der Blamage hatte, mit einem älteren Audi A8 im Kanzleramt vorfahren zu müssen, konnte bisher nicht geklärt werden.*) Er entstieg einem Maybach mit Stuttgarter Kennzeichen. Maybach hatte der Daimler AG bis 2012 so hohe Verluste eingefahren, dass die Produktion zeitweilig ausgesetzt werden musste. Vor drei Jahren wurde der Maybach als veredelte S-Klasse wiederbelebt und kostet nur noch einen Teil des früheren Preises. Die drei aktuellen Maybach-Modelle sind ausschließlich als Lang-Version mit 5,462 m konfigurierbar. Damit wurde das Fahrzeug so geändert, dass es knapp 30 cm weniger als die traditionelle Kurz-Version misst.

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz bei Angela Merkel
Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz bei Angela Merkel
Das Presseinteresse war größer als üblich. Immerhin bot das Wahlergebnis unseres südlichen Nachbarn genug Stoff zu Auseinandersetzungen. Während in Deutschland schon seit über 100 Tagen um die Bildung einer handlungsfähigen Regierung gefeilscht wird, hatten die Koalitionsverhandlungen in Österreich keine zwei Monate gedauert. Das Ergebnis erzeugte einen Aufschrei in den westeuropäischen Medien, die fortan mit dem Wort "Rechtspopulismus" operierten.

Entsprechend fielen heute auch die Fragen in der anschließenden Pressekonferenz aus. Sebastian Kurz hörte sich die Fragen gelassen an, ließ keine Nervosität erkennen, bekam keine roten Ohren und auch keine Unsicherheit in der Stimme. Sehr professionell antwortete er auf die Fragen und stellte klar, dass Österreich demokratisch gewählt habe und sich die inhaltlichen Akzente der Wähler wohl verschoben hätten.

Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz bei Angela Merkel
Kurz zeigt, wo es langgeht: Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz bei Angela Merkel
Zwischen Merkel und Kurz gab es überraschend viel Übereinstimmung. Die Kanzler hatten über Sicherheit, Verteidigungspolitik und Terrorabwehr geredet. Es ging um Deutschland und Österreich als Nettozahler in der EU. Bei der Finanzierung neuer Projekte sollten sich die Nettozahler eng abstimmen. Sebastian Kurz sprach sich mehrfach für die EU aus. Es fielen dabei Worte wie "Geist der EU" oder "Pro Europa". Österreich wolle aktiv an der positiven Veränderung der EU mitwirken.

Beide Kanzler waren sich einig, dass die inner-europäische Freizügigkeit den Aspekt der Außengrenzen bisher vernachlässigt habe. Deshalb wolle man sich gemeinsam für die Stärkung der Außengrenzen einsetzen und illegale Migration reduzieren.

Angela Merkel begegnete den kritischen Fragen zum Rechtspopulismus damit, dass sich die österreichische "Regierung an den Taten messen" lassen wird. Ein Sahnehäubchen hatte sie dann allerdings noch: "Wir aus deutscher Perspektive haben gestaunt, dass nachdem Österreich uns gelehrt hat, was eine Maut ist, Österreich nun gegen unsere Maut klagen möchte..."

Video:
Antrittsbesuch des österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz in Berlin

*) Die Spekulationen um den Maybach konnten insofern geklärt werden, dass dasselbe Fahrzeug am 16.02.2018 beim Besuch des polnischen Ministerpräsidenten ebenfalls zum Einsatz kam.

Autor: Matthias Baumann

Dienstag, 1. Juli 2014

PKM Sommerfest 2014

"Eins zu Null für Argentinien", flüstert mein Nachbar mit Blick auf sein Smartphone. Während der energiegeladenen Rede von Volker Kauder zu Steuerpolitik, Mittelstand und Koalition auf dem PKM Sommerfest 2014, dem inzwischen 40. Sommerfest des Parlamentskreises Mittelstand der CDU/CSU-Fraktion, halten sich die Fußballfans über den aktuellen Spielstand auf dem Laufenden.

PKM Sommerfest 2014 CDU/CSU Kronprinzenpalais
PKM Sommerfest 2014 der CDU/CSU-Fraktion im Kronprinzenpalais - Rede Christian von Stetten
PKM Sommerfest 2014 CDU/CSU Kronprinzenpalais
PKM Sommerfest 2014 der CDU/CSU-Fraktion im Kronprinzenpalais - Public Viewing
Die Kanzlerin auf der Bühne bemerkt die Unruhe und versucht irgendwo einen der Flatscreens mit der Übertragung zu sichten. Die Übertragung ist jedoch während der Reden abgeschaltet. PKM-Chef Christian von Stetten verlässt die Bühne. Wird es sich nach dem Spielstand erkundigen? Nein, er holt einen Blumenstrauß. Eine Geste des schweizerischen Botschafters auf der Treppe des Kronprinzenpalais signalisiert, dass ein Tor gefallen ist. Angela Merkel vermutet deshalb, dass die Schweiz in Führung gegangen ist. Nun melden sich die Zuhörer und bestätigen das 1:0 für Argentinien.

PKM Sommerfest 2014 CDU/CSU Kronprinzenpalais
PKM Sommerfest 2014 der CDU/CSU-Fraktion
Nach dem offiziellen Teil auf der Bühne wird die Fußballübertragung wieder eingeschaltet und die Bundeskanzlerin begibt sich auf direktem Weg zu ihrem Lieblingsstand: Aydin Döner Produktion.

Gefühlt sind heute deutlich mehr Gäste in den Garten des Kronprinzenpalais gekommen. Aus Insiderquellen wissen wir, dass die Teilnehmer diesmal nach neuen Kriterien ausgewählt wurden. Deshalb treffen wir diesmal ganz andere Bekannte, insbesondere aus Verbänden, mit denen wir in engem Kontakt stehen.

Am Stand der Deutschen Post lassen wir uns wieder fotografieren. Daneben entdecken wir einen neuen Stand mit McCafé-Neuheiten. Essen, Trinken, Zigarren genießen und immer wieder die Fußball-WM begleiten den Abend.

PKM Sommerfest 2014 CDU/CSU Kronprinzenpalais
PKM Sommerfest 2014 der CDU/CSU-Fraktion im Kronprinzenpalais - Angela Merkel und Andreas Eichler (rechts)
An der Treppe treffen wir den braun gebrannten Norbert Blüm und reden mit ihm über seine spitzfindigen Vorträge und ein Zitat, dass uns schon seit über einem Jahr immer wieder einfällt: "Früher zählte noch Leistung, heute reicht ein Diplom". Wir begrüßen den Bundestagspräsidenten Norbert Lammert, unterhalten uns mit dem ehemaligen Landwirtschafts- und Innenminister Hans-Peter Friedrich und tauchen in das Blitzlichtgewitter um den Tisch der Kanzlerin ein.

PKM Sommerfest 2014 CDU/CSU Kronprinzenpalais
PKM Sommerfest 2014 der CDU/CSU-Fraktion im Kronprinzenpalais - Andreas Eichler und Hans-Peter Friedrich
Immer wieder begegnen wir einem Filmteam, welches die Szenerie des PKM Sommerfestes einfängt.

Der wie gewohnt gut organisierte und spannende Abend geht erst mit Ausgang der Partie Belgien versus USA zu Ende.

Vielen Dank an die Organisatoren, Sponsoren und Kulturstaatsministerin Monika Grütters MdB für die Einladung.

Autor: Matthias Baumann

PKM Sommerfest 2014 CDU/CSU Kronprinzenpalais
PKM Sommerfest 2014 der CDU/CSU-Fraktion im Kronprinzenpalais - Andreas Eichler und Julia Klöckner

Donnerstag, 13. März 2014

Helmut Schmidt bei Bundespräsident Gauck

Als ein silberner Audi A8 mit polnischem Kennzeichen auf dem Vorplatz des Schlosses Bellevue an uns vorbeirauscht, können wir bereits erahnen, dass einige geschichtsträchtige Personen mit Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt zu Tisch sitzen werden.

Helmut Schmidt bei Bundespräsident Gauck
Helmut Schmidt bei Bundespräsident Gauck
Helmut Schmidt, ein Urgestein der deutschen Politik, hatte bereits im Dezember seinen 95. Geburtstag gefeiert und war heute anlässlich dieses Jubiläums zu einem Abendessen bei Bundespräsident Gauck eingeladen.

Ein Gast bemerkte, dass Helmut Schmidt ein Beispiel für langes Leben trotz starken Rauchens sei.

Der Abend wurde mit einem Defilee weiterer Urgesteine nationaler und europäischer Politik eingeleitet. Unter anderem waren der frühere Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der polnische Arbeiterführer und spätere Staatspräsident Lech Walesa, Kurt Biedenkopf, Egon Bahr sowie die ehemaligen Bundespräsidenten Köhler und von Weizsäcker dabei.

Amtierende Politiker wie Peer Steinbrück, Sigmar Gabriel und Norbert Lammert waren ebenfalls zum Abendessen geladen.

Helmut Schmidt bei Bundespräsident Gauck
Helmut Schmidt bei Bundespräsident Gauck
Der Raum war von allgemeiner Wertschätzung für Helmut Schmidt erfüllt. Die Pressevertreter überlegten sogar, ihn mit einem Applaus zu begrüßen.

Immer wieder wurden wir Zeuge herzlicher Begrüßungen und sogar von Kniefällen vor dem einst so agilen Hanseaten.

Deutschland hat diesem Mann viel zu verdanken. Er hat sich so stark etabliert, dass sogar der Fünftklässler am Frühstückstisch einwirft: "Helmut Schmidt, das ist doch der Bundeskanzler, der jetzt im Rollstuhl sitzt".

Deshalb auch von unserer Seite die besten Wünsche zum 95. Geburtstag.

Autoren: Matthias Baumann

Video zum Defilee ansehen: