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Mittwoch, 1. Juni 2016

ILA 2016 - Luftfahrtmesse seit 1909

"Lasst die Fahrzeuge der Militärattachés durch", lautete das Kommando, das der Mann mit dem schwarzen Anzug und dem Knopf im Ohr in sein Revers sprach. Das Gelände der ILA ist weiträumig abgesperrt und nur Fahrzeuge mit Sondergenehmigung dürfen passieren. Regen peitscht gegen die Scheiben und wohl dem, der seinen Wagen nicht auf den schlammigen Freiflächen mit angeschlossener Shuttle-Haltestelle parken muss.

ILA 2016 @ILA_Berlin
ILA 2016 - Eröffnungsrede der Parlamentarischen Staatssekretärin Brigitte Zypries (links roter Knopf zum ILA-Start)
Wir sind bereits zur Eröffnungsrede der Parlamentarischen Staatssekretärin (BMWi ) Brigitte Zypries erschienen. Zu Ehren des internationalen Publikums spricht sie Englisch mit deutschem Akzent. Neben ihr ist ein großer roter Knopf aufgebaut, mit dem sie gegen 10:00 Uhr offiziell die ILA einschalten wird. Es könnte derselbe schwarz-rot-goldene Knopf sein, den Bundespräsident Gauck regelmäßig zum Einschalten des Weihnachtsbaumes vor dem Schloss Bellevue nutzt. Warum auch sollte jede Dienststelle des Bundes einen eigenen roten Knopf in den Nationalfarben vorhalten? Synergien beim fliegenden Wechsel materieller Ressourcen entlasten den Steuerzahler.

ILA 2016 @ILA_Berlin
ILA 2016 - technische Kunstwerke aus dem 3D-Drucker
Mit "fliegender Wechsel" könnte auch die Themenvielfalt auf der seit 1909 in unregelmäßigen Abständen stattfindenden Internationalen Luftfahrtausstellung beschreiben. Seit der ersten 100-tägigen Messe in Frankfurt/Main hat sich vieles weiterentwickelt und aus der Luftfahrtausstellung ist ein Branchentreff der Luft- und Raumfahrt geworden. Letzteres wird insbesondere beim Betreten der Halle 4 deutlich, wo der Besucher zunächst in orbitales Dunkel tappt und dann einen von der Decke herabhängenden Baum und diverse Weltraum-Flugobjekte wahrnimmt. Kurz darauf sieht sich der geneigte Interessent von holografischen Installationen und 3D-Druck umgeben.

ILA 2016 @ILA_Berlin
ILA 2016 - Messebau @ILA_Berlin
Die optische Anziehungskraft der Stände ist sehr unterschiedlich. Hier lockt ein riesiger Drehmomentschlüssel, dort ein schwarzer Hubschrauber in Originalgröße. Ein polnischer Offizier in Kampfanzug testet den Lenkeinschlag des Helikopters. Eine Schale mit knallrot-weißer Vollmilchschokolade lockt zur Drohne aus der Schweiz. Ein Stand im Disco-Look präsentiert die Produkte von Roketsan. Roketsan ist kein Wettbewerber von Domestos oder Meister Proper, sondern ein anatolischer Hersteller von Marschflugkörpern.

ILA 2016 @ILA_Berlin
ILA 2016 - Schoggi zur Drohne
Immer wieder laufen uns Männer mit Kabeln am Ohr oder Generäle mit goldenen Sternen und diversen Kordeln und Orden über den Weg. Dank der riesigen Namensschilder lassen sich die Gäste gut mit Namen anreden. Der amerikanische Botschafter John B. Emerson trägt kein Namensschild. Nach der Begutachtung eines Hubschraubersimulators winkt er uns zu. Eine Begegnung in entspannter Atmosphäre bei Rotwein bleibt haften. Zusammen mit seinen Militärkollegen in Tarngrün und Blau schaut er sich dann beim "US International Pavilion" um.

ILA 2016 @ILA_Berlin
ILA 2016 - US-Botschafter John B. Emerson beim US Pavilion
Die Bundeswehr wäre nicht die Bundeswehr, wenn deren Ausstellungshalle per überdachtem Übergang zu erreichen wäre. Nur die Vorstände - wird uns immer wieder gesagt - dürfen per Golf Caddy durch den strömenden Regen gefahren werden. Wir nehmen den Kampf gegen die Elemente auf und gelangen durch unser entschlossenes Vorangehen halbwegs trocken zur Bundeswehrhalle. Dort werden wir von einem zerlegten Hubschrauber und einem Kampfflugzeug in Originalgröße empfangen. Dahinter liegt ein Blut überströmter Soldat mit abgeschossenem Bein - eine Puppe. Gegenüber eine weitere Puppe mit Sturmgewehr. War das der Schütze? An einem Pult referiert ein Generalmajor. Überall silbernes Laub mit zwei oder drei Sternen und ab und zu ein General dazwischen. Man kennt sich, man grüßt sich, man freut sich über die gelungene Ausstellung.

ILA 2016 @ILA_Berlin
ILA 2016 - Selfie mit Fraunhofer @ILA_Berlin
Auf der Suche nach dem Pressezentrum laufen wir mehrfach durch den Regen und die Hallen 6, 4 und 2, essen zwischendrin etwas auf dem Stand des Landes Baden-Württemberg und staunen über die vielen mit der Luftfahrt verbundenen Dienstleister und Hersteller: Präzisionsdreher, Sitzmanufakturen, Gurthersteller, Propellerlieferanten, 3D-Druckfirmen, Forschungseinrichtungen, Drohnenproduzenten oder Hersteller von Missiles, die mit einer Kamera in der verglasten Aufprallspitze ausgerüstet sind und ihr Ziel selbstständig verfolgen.

Nach einem Kaffee im Pressezentrum decken wir uns mit Infomaterial ein und verlassen die ILA. Es regnet. Sigmar Gabriel wird für 13:00 Uhr erwartet und 13:18 beginnt der Messerundgang des Wirtschaftsministers mit seiner Staatssekretärin Zypries.

Autor: Matthias Baumann

Montag, 30. November 2015

Agenda 2016 beim Tagesspiegel

Die heute beim Tagesspiegel stattfindende "Agenda 2016" ist ein innovatives Format, wirtschaftspolitische Stimmungen zu ermitteln.

Auf den Plätzen liegen Taschenrechner ähnliche Geräte mit der Aufschrift "SunVote". Jeder Teilnehmer ist angehalten, Redebeiträge und deren Überzeugungskraft mit den Zahlen von 1 bis 5 zu bewerten, wobei 5 die Bestnote darstellt.

Tagesspiegel Agenda 2016
Agenda 2016 beim Tagesspiegel mit digitaler Voting-Technik
Ungewöhnlich ist auch die Sitzordnung. Diese ist mit der Bestuhlung einer alten Kirche vergleichbar, wo rechts und links neben der Kanzel - hier Rednerpult - mehrere Stuhlreihen aufgestellt sind und der Rest des Plenums mit dem Gesicht frontal dem Redner zugewandt ist - mit Blick durch die Schneise der Botschafter, Referenten, Bundestagsabgeordneten und Experten.

Die Agenda 2016 beschäftigt sich mit den vier aktuellen Schwerpunktthemen Klimawandel, Freihandel, Digitales und Flucht. Innerhalb von fünf Minuten muss das Briefing des jeweiligen Verbandsvorsitzenden auf den Punkt gebracht sein. Eine große Digitaluhr zählt die Zeit unbarmherzig herunter. Stehen nur noch 30 Sekunden zur Verfügung schallt ein lautes Räuspern durch die Lautsprecher. Mit Ablauf der Zeit erschallt ein weihnachtliches Glöckchen. Hier scheiden sich die Vermittler hohler Phrasen von Experten, die ihr Anliegen klar und mit wenigen Worten auf den Punkt bringen können.

Tagesspiegel Agenda 2016
Agenda 2016 beim Tagesspiegel - die Zeit läuft für Dr.-Ing. Anke Tuschek vom BDEW
Besonders positiv fiel Dr. Fritz Brickwedde, Präsident des Bundesverbandes Erneuerbare Energie, auf. Er konnte seine Position innerhalb von dreieinhalb Minuten vermitteln. Sein Nachredner beanspruchte dessen gesparte eineinhalb Minuten und wurde mit einem Räuspern und dem Glöckchen abgemahnt. Hans Jürgen Kerkhoff von der Wirtschaftsvereinigung Stahl endete genau mit dem Glöckchen und konnte uns mit seiner Argumentation bezüglich der Energierückgewinnung in der Stahlindustrie am besten überzeugen.

Letztendlich hielten sich die Votings aber für alle Briefings in etwa die Waage und bewegten sich zwischen 3,2 und 4,2. Nach den Briefings trat das jeweilige Entscheider-Forum aus Regierung, Opposition und Wissenschaft auf und konnte ohne Zeitbegrenzung auf die Vorredner eingehen.

Anschließend erfolgte eine weitere Meinungserhebung zur Priorisierung der Anliegen aus dem thematisierten Bereich.

Tagesspiegel Agenda 2016
Agenda 2016 beim Tagesspiegel
Stephan-Andreas Casdorff wies in seinem Begrüßungsstatement explizit auf den Dialoggedanken hin. Damit dieser praktiziert werde, sei diese spezielle Sitzordnung gewählt worden. Zudem wurden mehrere längere Pausen eingebaut, die einen regen Austausch ermöglichten.

Zwei Höhepunkte stellten die Reden von Wirtschaftsminister Gabriel und die Abschlussrede von Gesundheitsminister Gröhe dar. Wie auch schon bei den jüngsten Tagungen des BDI und des BDA gibt sich Sigmar Gabriel zur Zeit sehr verständnisvoll für die Befindlichkeiten der potenziellen Wähler. So sei nicht jeder, der die aktuelle Flüchtlingspolitik hinterfrage, automatisch rechtsradikal.

Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Welche Anregungen die Entscheider auf ihre eigene Agenda 2016 schreiben, wird die Praxis zeigen.

Autor: Matthias Baumann

Dienstag, 24. November 2015

BDA Deutscher Arbeitgebertag 2015

Fahrzeugfabrikate aus Frankreich mit Diplomatenkennzeichen und Kopfhörer auf den Plätzen im großen Saal des Estrel Convention Centers an der Sonnenallee sprachen eine deutliche Sprache: Französisch.

BDA Deutscher Arbeitgebertag 2015
BDA Deutscher Arbeitgebertag 2015 auf französisch
Nach der Mittagspause des Deutschen Arbeitgebertages 2015 der BDA Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände wurden Wirtschaftsminister Gabriel und sein französischer Amtskollege Macron erwartet.

Bei Rednern und Gästen gab es deutliche Schnittmengen zum BDI Tag der Deutschen Industrie 2015. Auch Angela Merkel war für eine Rede angekündigt. Nur dass heute statt des britischen Finanzministers der französische Wirtschaftsminister eingeladen war.

Die britische Botschaft ist von der französischen nur durch den - wie tendenziös - Pariser Platz getrennt und deren Botschafter eifern regelmäßig um die besten Zahlen bei den Beziehungen zu Deutschland. Emmanuel Macron brach heute ein Tabu: er redete auf Englisch. Konvergenz?




BDA Deutscher Arbeitgebertag 2015
BDA Deutscher Arbeitgebertag 2015 - französischer Wirtschaftsminister Emmanuel Macron
Zunächst ging er detailliert auf die Divergenzen in der EU ein, lobte die Großzügigkeit der Deutschen in der aktuellen Flüchtlingssituation und kam dann wieder auf Divergenzen und deren Risiken zurück. Am Ende seiner Rede platzierte er die Forderung nach Konvergenz bei der Schaffung eines gemeinsamen Haushaltes und den Einsatz eines gemeinsamen Kommissars.

Interessant waren seine politisch korrekten Beschreibungen der Attentäter von Paris. Es sagte, dass es Franzosen und Belgier gewesen seien und differenzierte nicht zwischen Staatsangehörigkeit und Zuwanderungsgeschichte.


BDA Deutscher Arbeitgebertag 2015
BDA Deutscher Arbeitgebertag 2015 - Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel
Das war eine gelungene Vorlage für Sigmar Gabriel. Dieser nehme in Deutschland eine wachsende Nationalisierung wahr, die aus den oben genannten Divergenzen hervorgehe. Deutschland als Zahlmeister, der bei Hilfegesuchen allein gelassen werde. Renationalisierung und Desintegration mache sich zunehmend in europäischen Regierungen breit. Die EU werde als Problem statt als Lösung gesehen, was einen fatalen Befund darstelle.

Die EU habe lange die hellen Seiten der Globalisierung gesehen und genossen: Märkte, Umsätze, Möglichkeiten. Bei den dunklen Seiten habe man weggeschaut. Und wo ist sie nun, die Solidarität in Europa? Die Antwort auf die Herausforderungen seien in der EU das Erbsenzähler- oder das Sankt-Florians-Prinzip: "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd andre an". Applaus gab es, als Sigmar Gabriel zum Schulterschluss mit Russland aufrief. Große Koalition im Kampf gegen den Terrorismus.


BDA Deutscher Arbeitgebertag 2015
BDA Deutscher Arbeitgebertag 2015
Laut Sigmar Gabriel werde die Politik zur Zeit von den Tatsachen überrannt und könne sich gar nicht mehr auf die kurz vorher noch als wichtigste Aufgaben deklarierten Themen konzentrieren. So forderte auch er die Rückkehr zum liegen gebliebenen Tagesgeschäft.

Konvergenz - das lebt er praktisch. Am Wochenende nahm er kurzentschlossen seine Frau und seine Tochter mit nach Frankreich und besuchte dort die Familie Macron. Der persönliche Austausch unter Spitzenpolitikern kann so manch eine Weiche stellen, die über Jahre im Sumpf der Bürokratie eingerostet war.


BDA Deutscher Arbeitgebertag 2015
BDA Deutscher Arbeitgebertag 2015
Neben den Wirtschaftsministern und der Bundeskanzlerin traten heute noch Telekom-Vorstand Timotheus Höttges, Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer, der Migrationsbeauftragte Frank-Jürgen Weise, Bundesminister Alexander Dobrindt und weitere spannende Persönlichkeiten auf.

Frank-Jürgen Weise versuchte die angespannte Qualifizierungslage bei den Zuwanderern zu beschwichtigen. Innerhalb von fünf Jahren sollten 50% in Beschäftigung sein und innerhalb von zehn Jahren sogar 70%. Analphabeten gebe es nicht nur unter Flüchtlingen, sondern auch zur Genüge in Deutschland. Während den Deutschen sämtliche Bildungswege offen stünden, habe ein Flüchtling vielleicht bisher nie die Chance zum Besuch einer Schule gehabt.

Die Arbeitgeber an den Stehtischen löffelten milde lächelnd ihre Kartoffelsuppe und betrachteten die Ausführungen ambivalent.

BDA Deutscher Arbeitgebertag 2015
BDA Deutscher Arbeitgebertag 2015 - Charta der Vielfalt
Networking nahm bei diesem Deutschen Arbeitgebertag 2015 des BDA einen hohen Stellenwert ein. Dazu gab es diverse Pausen und große einladende Stände von Telekom, Deutscher Bank & Co. Auch die Charta der Vielfalt präsentierte sich mit frischem Design und neuen Imagebroschüren. Die Deutsche Bank und die Deutsche Bahn sind Vorreiter beim Thema Diversity. Divergenz? Nein, Diversity! Chancen der Vielfalt statt Risiken der Vielfalt. Die Charta der Vielfalt macht es vor, wie aus Divergenz mithilfe von Diversity eine neue Qualität der Konvergenz geschaffen werden kann.

Autor: Matthias Baumann

Dienstag, 3. November 2015

BDI Tag der Deutschen Industrie 2015

Der Postbahnhof am Ostbahnhof ist normalerweise Austragungsort von Konzerten, Dance Partys oder SPD-Parteitagen. Gestern und heute fand dort der Tag der Deutschen Industrie 2015 statt.

Passend zur Location fungierte radioeins-Moderator Jörg Thadeusz als Voice of Event. Veranstalter war jedoch der BDI Bundesverband der Deutschen Industrie oder wie es auf dem großen Screen über den Referenten hieß: "BDI The Voice of German Industry".

BDI Tag der Deutschen Industrie 2015
BDI Tag der Deutschen Industrie 2015 - BDI-Präsident Ulrich Grillo
Etwa 1.000 Teilnehmer hatten den großen Saal im Postbahnhof bis auf den letzten Stuhl besetzt und viele der Gäste mussten sogar am Rand stehen. In der ersten Reihe nahmen abwechselnd die Bundeskanzlerin, der Wirtschaftsminister, der amerikanische Botschafter, der britische Finanzminister, dessen Botschafter Sebastian Wood und andere interessante Redner Platz.

Die Themen der Reden wiesen diverse Schnittmengen auf und immer wieder Dank an die deutsche Industrie für ihr Engagement beim Erhalt des Wohlstandes.

BDI-Präsident Ulrich Grillo sprach viel über die EU und forderte eine Union der Europäer, die auch als Union gelebt werde. Die EU müsse enger zusammen rücken, da uns die Geschichte zu Entscheidungen zwinge, die nur in Einheit zu lösen seien. Zum Thema Flüchtlinge wies er darauf hin, dass auch die Familie Grillo vor einigen hundert Jahren nach Deutschland gekommen sei, weil Protestanten in Italien nicht mehr erwünscht waren. Er sei damit ein Beispiel erfolgreicher Integration.

BDI Tag der Deutschen Industrie 2015
Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem BDI Tag der Deutschen Industrie 2015
Nach Ulrich Grillo folgte eine längere Rede der Bundeskanzlerin. Sie sprach kurz über die Flüchtlinge und den Spagat zwischen illegal und legal. Vieles sei deshalb illegal, weil es gar keine Regelungen für bestimmte Szenarien gebe.

In Sicht auf den Anlass ihrer Rede bemerkte sie immer wieder, dass viel zu tun sei und die Herausforderungen in Zusammenarbeit von Industrie und Regierung durchaus zu meistern seien. Man arbeite als Regierung auf Hochtouren an förderlichen Rahmenbedingungen für die deutsche Wirtschaft. Dazu gehörten unter anderem TTIP, der Netzausbau und die Dekarbonisierung. Endlich wieder ein neues Wort gelernt. Die Kanzlerin entfaltete einen bunten Blumenstrauß von Anglizismen, die vorwiegend die Stärkung von Industrie 4.0 und des digitalen Binnenmarktes betrafen.

BDI Tag der Deutschen Industrie 2015
BDI Tag der Deutschen Industrie 2015
Darauf folgte Wirtschaftsminister Gabriel und gewann das Publikum mit dem Hinweis auf seine Kindheit, wo er im Fußballverein linker Verteidiger gewesen sei. Fußball spiele er nun nicht mehr, sei aber linker Verteidiger geblieben. Dann wurde er ernst und mahnte zur Vorsicht vor Selbstüberschätzung: "Wenn es einem so scheinbar gut geht, kann man sich schon mal umdrehen und schauen, was da kommt". Kinder als Garant kontinuierlichen Wohlstandes werden knapp. Angesichts dessen wäre man "mit dem Klammerbeutel gepudert", wenn man die bereits anwesenden Flüchtlinge nicht auch für den Erhalt des Wohlstandes nutzen würde.

SPD und Wirtschaft sehen Industrielle normalerweise als Widerspruch an. Auf diese Befindlichkeiten ging Sigmar Gabriel deshalb mehrfach ein. Ähnliche Argumentationen sind auch von Bauministerin Hendricks vor Immobilienunternehmern bekannt. Um Salz in die Wunde zu streuen, erinnerte Sigmar Gabriel an die zahlreichen Verbandsgründungen vor 125 Jahren. Im März 1890 war der erklärte Sozialistenfeind Bismarck zurückgetreten.

BDI Tag der Deutschen Industrie 2015
Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel auf dem BDI Tag der Deutschen Industrie 2015
Wie wichtig es sei, dass die deutsche Industrie nicht den Anschluss verliere, verdeutlichte er am Beispiel seiner 27-jährigen Tochter. Wenn sie Mobilität suche, gehe sie ins Internet und prüfe die Optionen für Woche und Wochenende oder Sommer und Winter und wechsele dann entsprechend die Transportmittel. Es seien nicht mehr die Autokonzerne, die wissen wie der Kunde tickt, sondern Google. Damit dränge sich eine ganz neue Wertschöpfungsplattform in den Markt.

Während Sigmar Gabriel noch redete, lief der neue britische Botschafter Sebastian Wood an uns vorbei. Um den Fluss hochkarätiger Referenten nicht abreißen zu lassen, stand anschließend der britische Finanzminister George Osborne auf dem Programm.

BDI Tag der Deutschen Industrie 2015
Britischer Finanzminister George Osborne auf dem BDI Tag der Deutschen Industrie 2015
Der Botschafter und sein Minister hatten die Poppy im Knopfloch. Die Mohnblume (Poppy) ist ein Symbol des Gedenkens an die Opfer der beiden Weltkriege. Jörg Thadeusz hatte den Finanzminister mit einem Lob über die englischen "sausages" anmoderiert. Dieser freute sich darüber und startete seine Rede mit einer Schilderung seiner Zuwanderungsgeschichte, nämlich aus Ungarn. Ungarn sei fast schon ein Symbol für Zuwanderung und ermöglichte Flucht, insbesondere in Sicht auf die Ereignisse im Sommer und Herbst 1989.

Da sich in Europa immer wieder Unmut über die Position der Briten in der Flüchtlingsfrage breit macht, ging George Osborne auf das britische Engagement in den Krisenregionen selbst ein. Diese Maßnahmen überträfen vielfach den allgemeinen EU-Einsatz vor Ort.

Das Referendum zum Brexit erwarte er Ende 2017 und hob es als besonderen Ausdruck von Demokratie hervor. Auch könne man den britischen Steuerzahler nicht mit Kosten belasten, die durch den Euro hervorgerufen wurden. Interessant wäre noch gewesen, worüber sich George Osborne gestern Abend in der Pizzeria mit Wolfgang Schäuble unterhalten hatte. Diese Arbeitsessen zwischen "Wolfgang and George" sind oft weit wertvoller als öffentliche Statements und Diskussionspanels.

Angela Merkel und Sigmar Gabriel nutzten jedenfalls die Steilvorlage von Ulrich Grillo und appellierten an die Briten: "Stay in"!

Siehe auch: Rede des britischen Finanzministers George Osborne

Autor: Matthias Baumann

Donnerstag, 24. September 2015

Tesla-Chef Elon Musk bei #wirtschaftfm

"I am a happy Tesla Driver"!

So leitete eine Dame mit großer Brille und orangenen Haaren ihre Frage an Tesla-CEO Elon Musk ein. In Tagen, wo ein deutscher Konzern im Verdacht der Abgaswertmanipulation steht, ist der Hersteller des weltweit innovativsten Elektroautos ein gefragter Mann. Die Schlange vor dem Bundeswirtschaftsministerium war heute gut 200 Meter lang, fast so als wäre ein Popstar oder der griechische Finanzminister zu Gast.

Tesla Elon Musk #wirtschaftfm
Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Tesla-Chef Elon Musk bei #wirtschaftfm
Es outeten sich weitere Gäste als Tesla-Driver und stellten pfiffige Fragen zum Vertrieb und zur nächsten Tesla-Generation. Der typische Nutzer dieses Fahrzeuges ist jung, dynamisch, ökologisch interessiert, Technik begeistert, ein Freund des Car Sharing, trägt keine Krawatte und lässt gelegentlich das Hemd aus der Hose hängen.

eMobility ist in Deutschland eine Bekenntnisfrage. Sigmar Gabriel konnte viele der im Block gestellten Fragen wiederholen und hakte konsequent nach, wenn ihn die jeweilige Frage selbst interessierte.

Elon Musk wurde vom Wirtschaftsminister als "da Vinci der Moderne" angekündigt, dessen Besuch eine besondere Ehre sei. Der Tesla-Chef wirkte dennoch natürlich und bodenständig und lobte Deutschland für seine Vorreiterrolle bei der Solarenergie. Er selbst motiviere sich jeden Morgen damit, dass er gerne etwas Neues schaffen wolle. Sein Fernziel sei eine "self-sustaining civilization" auf dem Mars. Die dafür vorgesehenen Technologien wurden von Sigmar Gabriel jedoch etwas ambivalent bewertet.

Tesla Elon Musk #wirtschaftfm
Tesla-Chef Elon Musk bei #wirtschaftfm
Eine zentrale Frage war, wie man es in Deutschland schaffe, mehr Elektroautos auf die Straße zu bringen. Die Regierung gehe mit gutem Beispiel voran und ordere bereits einen hohen Prozentsatz ihrer Fahrzeugflotte als eAutomobil. Wie wir auf der IAA erfahren hatten, geht BMW zur Zeit zielstrebig zum Bau von eDrive-Modellen quer durch die gesamte Fahrzeugpalette über.

Laut Elon Musk sei auch das Verhältnis von Preis und Leistung entscheidend. Null wäre unpassend und zu teuer gehe auch nicht. Der Preis müsse einfach stimmig sein. Zudem empfahl er eine weitere Verteuerung von CO2.

Unstimmigkeiten zwischen Tesla und der EU gebe es bei den Lademöglichkeiten. Die EU habe eine Norm entwickelt, an die sich alle Hersteller aus Europa halten sollen. Tesla hat eigene Adapter und lädt seine Fahrzeuge auch deutlich schneller nach als die (Kurzstrecken-)Fahrzeuge des alten Kontinentes. Die Begeisterung der Tesla-Driver ist wohl deshalb so nachhaltig, weil ein Tesla durchaus 600 Kilometer mit einer Ladung fahren kann. Da haben die Europäer noch etwas Nachholbedarf.

Videomitschnitt des BMWi

Autor: Matthias Baumann

Montag, 21. September 2015

UVB Unternehmertag und der Arbeitsmarkt 2030

Am Eingang des Dorint in Potsdam begrüßte uns der Alte Fritz. Ein Mann, der im benachbarten Sanssouci residiert hatte und ein sparsamer Mensch gewesen sei. Er hatte jedoch so einiges in der Geschichte bewegt.

Uns bewegte am heutigen Abend die Frage, wie denn der Arbeitsmarkt in fünfzehn Jahren aussehen könnte. Dazu war der Vorstandsvorsitzende der Agentur für Arbeit eingeladen worden. Frank-Jürgen Weise ist zudem frisch gebackener Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge. Eine Aufgabe, die ihn in diesen Tagen besonders fordert.

Der Schlüssel für Integration ist Arbeit.

Diesen Tenor hörten wir in mehreren Vorträgen des 25. UVB Unternehmertages. Arbeit fördert Sprache, Arbeit erzeugt Einkommen, Arbeit schafft Steuereinnahmen, Arbeit sichert die Sozialsysteme. Die komplizierte Gesetzeslage, die EU-Bürger, Migranten, Asylanten und Flüchtlinge sehr differenziert betrachtet und behandelt hatte, wird ja zur Zeit regelmäßig angepasst, so dass der Einstieg von Flüchtlingen in Beschäftigungsverhältnisse vereinfacht wird.

Was der Regierende Bürgermeister Michael Müller vor einigen Tagen bei der Berliner Wirtschaftskonferenz gesagt hatte, bestätigte auch Frank-Jürgen Weise. Mit etwa 8% Akademikern und 20% qualifizierten Facharbeitern sei das Bildungsniveau "noch etwas ungünstiger" als bisher durch die Medien vermittelt. Viele der Flüchtlinge seien per sofort nur für unqualifizierte Tätigkeiten einsetzbar. Hinzu komme die Sprachbarriere und die Flucht bedingten Lücken in der schulischen Ausbildung. Was also tun?

UVB Unternehmertag
Frank-Jürgen Weise auf dem UVB Unternehmertag
Frank-Jürgen Weise erzählte das Beispiel eines Mannes, der begeistert Bahnhöfe reinigt und darin seine berufliche Erfüllung sehe. Berufliche Erfüllung sei auch das, was Arbeitnehmer von morgen wünschen. Das kam in einem Video mit diversen Interviews zum Ausdruck. Und auch die später auf die Bühne geholten Studenten und Azubis bestätigten das. Erstaunlich war auch, wie gut sich diese jungen Menschen vor so viel Publikum ausdrücken konnten.

Der Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge sprach aber auch davon, dass es zu einem "Mismatch" zwischen Berufswunsch und Bedarf komme, der nur schwer zu kanalisieren sei. Wenn es thematisch um Fachkräftemangel gehe, gehe es auch um Planungssicherheit. Firmen fragen sich bei Standortanalysen unter anderem: "Wie bekommen wir die Leute, die wir brauchen"? Wenn dann die hypothetische Antwort negativ ausfalle, werde der neue Standort vielleicht sogar im Ausland aufgebaut.

In Großbritannien gehen die Arbeitgeber inzwischen den Weg, dass sie weniger nach Abschlüssen als nach den sogenannten Soft Skills schauen. Wenn allgemeine Kompetenzen, Talente und Stationen des Lebenslaufes passen, spiele der Berufsabschluss eine untergeordnete Rolle. Starre Berufsbezeichnungen wie in Deutschland gebe es dort fast gar nicht mehr.

Brandenburgs Ministerpräsident Dr. Dietmar Woidke hatte leider einen kurzfristigen Termin in Polen, so dass sein Wirtschaftsminister Albrecht Gerber die Ansprache auf dem UVB Unternehmertag hielt. Gerber war sich mit Frank-Jürgen Weise einig, dass die "Arbeitsmarktintegration geflüchteter Menschen" der beste Schlüssel zur Integration sei. Die Flüchtlinge seien seiner Einschätzung nach hoch motiviert.

UVB Unternehmertag
UVB Unternehmertag
Der UVB Unternehmertag fand nun zum 25. Mal statt. Er ist ein Nachwendeprodukt aus dem Jahr 1990. Unseren Weg von einem Vorabtermin am Schiffbauerdamm nach Potsdam über den Großen Stern und die Stadtautobahn hatten wir als sebstverständlich angesehen, wurden nun aber noch einmal daran erinnert, dass solch eine schnelle Stadtdurchquerung vor 26 Jahren gar nicht möglich gewesen wäre. Es hat sich inzwischen vieles getan in Berlin und in der regionalen Wirtschaft. Mit den Flüchtlingsströmen steht nun die nächste große Herausforderung seit 25 Jahren an.

Autor: Matthias Baumann

Montag, 1. Juni 2015

Hong Kong Gala Dinner mit Gregory SO Kam-Ieung

Hong Kong ist ein interessanter und ambivalenter Ort. Natur und hohe Glasfassaden teilen sich engsten Raum. Wirtschaftssysteme treffen sich. Freiheit und politische Enge arrangieren sich.

Für den europäischen Investor bietet sich Hong Kong als ein Sprungbrett in den asiatischen Markt an. In Hong Kong spricht man Englisch und auch die Sprache des potenziellen chinesischen Kunden, und das nicht nur im verbalen Sinne.

Die neben mir sitzende Chinesin präzisierte die Bedeutung Hong Kongs und empfahl unbedingt auch Direktkontakte nach China.

Gregory SO Kam-Ieung Hong Kong Gala Dinner
Gregory SO Kam-Ieung - Hong Kong Gala Dinner
Hong Kong hatte heute zu einem Gala Dinner ins Grand Hyatt eingeladen.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Betty S P Ho von Hong Kong Economic and Trade in Berlin trat Gregory SO Kam-Ieung ans Pult.

Seine durch Frau Ho zuvor verlesenen Zuständigkeiten sind so umfangreich, dass deren Zitat wohl diese Bildschirmseite füllen würde. Die Kurzfassung lautet: Secretary for Commerce & Economic Development of the Hong Kong Special Administrative Region of the People's Republic of China.

Sein Vortrag war sehr lebendig und wurde mit einer Hommage an die Deutschen eingeleitet. Die Autos, das Bier und viele andere Dinge lassen Deutschland im fernöstlichen Alltag präsent sein. Mehrere Tausend Deutsche leben in Hong Kong und man wünscht sich noch mehr: "Welcome to Germans".

Plötzlich holte er einen Reisestecker-Würfel hervor und verglich ihn mit Hong Kong. "Super connecting" war sein mehrfach genutzes Schlagwort zu den Möglichkeiten der Special Administrative Region. Besonderes Interesse erweckte seine Darstellung der modernen Seidenstraße, die Hong Kong, China, Indien, Russland, Europa, den Nahen Osten und den Indischen Ozean verbindet. Per Smartphone versuchten einige Tischnachbarn die animierte Seidenroute zu fotografieren.

Aristo Sham Hong Kong Gala Dinner
Pianist Aristo Sham beim Hong Kong Gala Dinner
Das war allerdings nur der Vorgeschmack auf einen weiteren hochkarätigen Gast aus Hong Kong. Der Secretary hatte den Pianisten Aristo Sham mitgebracht, der im Anschluss drei Stücke von Chopin spielte. Mit einer sagenhaften Leichtigkeit und Präzision flitzten die Finger von Aristo Sham über die Tasten. Am Flügel erlebten wir ein Höchstmaß an Körperbeherrschung und ein vollständiges Hinabtauchen in seine Musik. Bei einigen Passagen schienen sich die Töne in sanft rieselnden Sommerregen zu verwandeln.

Den krönenden Abschluss gab dann das eigentliche Gala Dinner mit spannenden Kreationen der regionalen Küche gepaart mit einem edlen Barbera d' Alba von Enrico Serafino. Dabei kamen wir an unserem Tisch gut ins Gespräch, so dass der Abend sehr abgerundet ausklang.

Autor: Matthias Baumann

Dienstag, 7. April 2015

#wirtschaftfm und die Reziprozität eines Podiumsgespräches im Wirtschaftsministerium

Das Markenzeichen deutscher Fachbücher manifestiert sich in einer überaus großen Dichte an Fremdwörtern. Wenn nach der Lektüre fünf neue Begriffe in den eigenen Wortschatz aufgenommen werden konnten, hat sich das Studium eines 70-Euro-Werkes mit 450 Seiten bereits gelohnt, zumal dann bekannt ist, dass es sich um einen großen Autoren der deutschen Wissenschaft gehandelt haben muss. Die Vermittlung fachlicher Inhalte ist dabei sekundär.

Beim "homo oeconomicus" bestimmen allerdings Effektivität und zielführender Wissenserwerb das Handeln, so dass in unseren Regalen vorwiegend Fachbücher englischsprachiger Autoren zu finden sind. Kein Wunder also, dass uns nach dem heutigen Gespräch zwischen Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Prof. Dr. Armin Falk die Frage beschäftigte: "Wie korrelieren Paternalismus, soziale Präferenzen und altruistische Reziprozität"?

wirtschaftfm Wirtschaft für Morgen Sigmar Gabriel Armin Falk
#wirtschaftfm - Wirtschaft für morgen - Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel im Gespräch mit Prof. Dr.Armin Falk
Reziprozität zog sich durch die gesamte Veranstaltung "Wirtschaft für morgen". Reziprozität gibt es als positive und negative Variante, wobei Männer wohl eher zur Negativversion tendieren. Der Professor stellte diverse Studien vor, in denen die Motivation von Mitarbeitern oder Steuerzahlern im gesellschaftlichen Sozialgefüge getestet wurden. Was wird als fair und was als unfair wahrgenommen? Wie wirken sich Divergenzen der Arbeitsatmosphäre hinsichtlich Vertrauen und Misstrauen gegenüber Mitarbeitern auf die Gesamtergebnisse eines Unternehmens aus? Wie schlägt eine gerechte oder als ungerecht empfundene Entlohnung auf den Gesundheitszustand von Arbeitnehmern durch?

Armin Falk machte anhand von Studien deutlich, dass ein als fair empfundenes Steuersystem nachhaltig positive Auswirkungen auf die Steuermoral habe. In seinem nahezu frei gesprochenen Vortrag ging er auch mehrfach auf die vorherige Rede des Wirtschaftsministers ein.

Während der finalen Diskussionsrunde zwischen Sigmar Gabriel und Armin Falk hatten das anwesende und das multimedial verbundene Publikum Gelegenheit zu Koreferaten und Fragen. Die Koreferate wurden relativ gut gekürzt und die Fragen direkt an die beiden Herren auf dem Podium durchgereicht. Sigmar Gabriel wurde auch mit der üblichen Frage "Wie kann ich mitbestimmen" konfrontiert und konterte mit einem klaren: "Einfach machen"! Auf die kürzlich durch einen Schüler gestellte Frage, was er denn gegen dessen Politikverdrossenheit tun wolle, sagte er: "Gar nichts". Damit forderte er zur aktiven Teilnahme am politischen Geschehen auf.

Es kamen auch Fragen zur aktuellen Situation mit Griechenland. Im Bezug auf eine positive Reziprozität handelten die Griechen äußerst "dumm". Immerhin wollten sie ja etwas von Deutschland. Die "leichte politische Übung" werde durch unpassende Äußerungen oder thematisch abgekoppelte Reparationsforderungen zu einer negativen Reziprozität geführt. Griechenland habe seine Ressourcen selbst ausgeweidet und wundere sich nun über den Paternalismus der europäischen Geldgeber. Mit seichten Nudge-Methoden sei da nichts mehr zu stabilisieren.

Video-Empfehlung:
Mitschnitt der Veranstaltung aus der BMWi-Mediathek

Autor: Matthias Baumann

Montag, 20. Oktober 2014

Frankreichs Minister für Wirtschaft und Finanzen treffen Sigmar Gabriel und Wolfgang Schäuble

Die Stimmung war gut. Sigmar Gabriel, Wolfgang Schäuble und ihre französischen Amtskollegen Finanzminister Michel Sapin und Wirtschaftsminister Emmanuel Macron erschienen pünktlich zur heutigen Pressekonferenz im Bundesministerium für Finanzen.

Gut, dass es keine britischen Minister waren. Ansonsten hätte sich wohl der wolkenverhangene Himmel über den großen Flaggen und den heran eilenden Journalisten entladen.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel Finanzminister Wolfgang Schäuble
Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Finanzminister Wolfgang Schäuble
Finanzminister Schäuble bezeichnete das Verhältnis als vertrauensvoll, wodurch die anstehenden Probleme gut lösbar seien. Dieses Treffen finde in Zeiten des wirtschaftlichen Rückganges statt. Deshalb habe man ein besonderes Augenmerk auf die Förderung von Investitionen gelegt.

Michel Sapin präzisierte das noch dahingehend, dass insbesondere private Investitionen gefördert werden sollten, da Frankreich zur Zeit 21 Mrd. Euro seiner öffentlichen Ausgaben kürzt. Er zeigte sich enttäuscht über das Wachstum in der Eurozone. Dieses sei deutlich geringer als gedacht. In Frankreich spüre man dieses besonders an der zunehmenden Jugendarbeitslosigkeit.

Französische Finanzminister Michel Sapin und Wirtschaftsminister Emmanuel Macron
Frankreichs Finanzminister Michel Sapin und Wirtschaftsminister Emmanuel Macron
Wirtschaftsminister Gabriel sprach sich für umfassende Strukturreformen aus, die keinesfalls als Strohfeuer fungieren sollten. Energie sei in Deutschland zu teuer, so dass energieeffizientes Wirtschaften forciert werden solle. Zudem gehe es darum, junge Unternehmen zu unterstützen und gute Rahmenbedingungen für diese zu schaffen. Letztlich habe das zur Folge, dass die Wettbewerbsfähigkeit des Kontinentes gestärkt werde.

Für Wirtschaftsminister Macron blieb dann nur noch anzumerken, dass seine Vorredner bereits alles gesagt hätten. Der 39-jährige kam aber so richtig in Schwung, als er eine "neue Dynamik" forderte. Europa solle wieder zu einer "schönen Idee" werden, die nicht durch Regulierungen aus Brüssel bürokratisch verstaubt werde. Emmanuel Macron schwärmte vom "europäischen Traum", den wir wieder in Besitz nehmen sollten.

Französischer Wirtschaftsminister Emmanuel Macron
Französischer Wirtschaftsminister Emmanuel Macron
Abwechselnd durften deutsche und französische Pressevertreter ihre Fragen stellen. Immer wieder fiel das Wort "Pakt", welches gar nicht auf alle Beziehungen zu Frankreich anwendbar war. Die deutschen Journalisten schossen sich auf kritische Fragen zur Stabilität des Euro ein. Da wurde dann seitens der französischen Minister gerne einmal auf die unvollständige Simultan-Übersetzung der Frage abgestellt und entsprechend unvollständig geantwortet.

Als die französische Forderung nach 50 Mrd. Euro Investitionsvolumen deutscher Unternehmen in Frankreich hinterfragt wurde, ruderten Macron und Sapin zurück und sagten, dass man Deutschland keine Auslands-Investitionen vorschreiben könne. Umgekehrt gehe das ja auch nicht.

Die Frage, ob Frankreich immer noch eine weitere Abwertung des Euro zur Ankurbelung der Wirtschaft wünsche, wurde von Finanzminister Sapin an die EZB und deren unabhängige Entscheidungsprozesse verwiesen. Sigmar Gabriel warf ein, dass der Stabilitätspakt nicht nur ein Pakt für die Stabilität sei, sondern in seiner Funktion und vollen Bezeichnung ein Stabilitäts- und Wachstumspakt. Gabriel sprach sich gegen eine Änderung der Regeln und für ein Ausschöpfen der Spielräume aus. Alles mit dem Ziel des wirtschaftlichen Wachstums. Michel Sapin fügte dem noch hinzu, dass eine Änderung der Regeln keine Probleme löse. Ein gutes Wort, welches Hoffnung auf wirtschaftliche Stabilisierung und Aufschwung vermittelt.

Video:
Tagesschau vom 20.10.2014 zum Treffen der Minister

Autor: Matthias Baumann

Bundesministerium für Finanzen Pressekonferenz
Bundesministerium für Finanzen - hohes Medieninteresse an der Pressekonferenz

Mittwoch, 20. August 2014

Digitale Agenda und der Daten-Tsunami

"Lieber spät als nie", kommentierte Innenminister de Maizière die Frage, warum denn die Digitale Agenda der Bundesregierung erst jetzt erscheine.

In trauter Dreisamkeit präsentierten Wirtschaftsminister Gabriel, Innenminister de Maizière und Verkehrsminister Dobrindt heute in der Bundespressekonferenz die Digitale Agenda 2014 der Bundesregierung. Die Digitale Agenda war federführend durch das Innenministerium auf den Weg gebracht worden.

Digitale Agenda 2014 Dobrindt de Maizière Gabriel
Digitale Agenda 2014 - Verkehrsminister Dobrindt, Innenminister de Maizière, Wirtschaftsminister Gabriel (v.l.n.r.)
Sigmar Gabriel eröffnete die Pressekonferenz mit einigen statistischen Eckdaten zum Wachstumsmotor Informationswirtschaft und ging auf die unaufhaltsame Verflechtung sämtlicher Industrie- und Lebensbereiche ein. Als Beispiel für praktizierte Industrie 4.0 nannte er die Eröffnungsrede des VW-Chefs Winterkorn auf der diesjährigen CeBIT. Dieser Transformationsprozess werde in Deutschland jedoch noch weitestgehend als Risiko angesehen.

Der Wirtschaftsminister sprach sich für ein hohes Maß an unternehmerischer Freiheit für IT-Firmen aus, legte jedoch auch einen gewissen Wert auf den Schutz des Verbrauchers. Er freute sich über die guten Rahmenbedingungen für Start-ups in Deutschland, wünschte sich aber weitere Programme zur Förderung des nachhaltigen Bestandes dieser Neugründungen.

Digitale Agenda 2014 Sigmar Gabriel
Digitale Agenda 2014 - Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel
Innenminister de Maizière zeigte sich entschlossen, den oben bereits angeklungenen Transformationsprozess kontinuierlich in der Verwaltung umzusetzen. Er sprach vom "innovativen Staat", der mit der "Verwaltung 2020" ganz neue Akzente in der Bürgerkommunikation setzen wolle. So solle E-Mail weiter gefördert werden und die Kommunikation mit Behörden in verschiedensten Angelegenheiten auf elektronische Wege verlagert werden.

De Maizière sprach sich für hohe Standards bei der Sicherheit von IT-Systemen aus und forderte einen effektiven Datenschutz. In Sicht auf die neuerlichen EU-Datenschutzrichtlinien bewegte ihn die Frage, wie man diese "tauglich für das Internet" bekomme. Als Innenminister ist er täglich mit dem Thema Kriminalitätsbekämpfung beschäftigt. Unter klarer Zustimmung von Wirtschaftsminister Gabriel legte er dar, dass das Internet kein rechtsfreier Raum sei, sondern eben genau wegen der Verflechtung mit diversen Lebensbereichen der klassischen Strafverfolgung unterliege.

Digitale Agenda 2014 Thomas de Maizière
Digitale Agenda 2014 - Innenminister Thomas de Maizière
Verkehrsminister Dobrindt erfreute uns mit einigen interessanten Wortschöpfungen. "Wir stehen vor einem Daten-Tsunami", sagte er angesichts der sich potenzierenden Datenmengen, die neudeutsch auch gerne als Big Data bezeichnet werden. Um diese Datenmengen noch handhaben zu können, bedarf es insbesondere eines hoch qualitativen und flächendeckenden Netzausbaus. Sein sportliches Ziel ist eine flächendeckende Breitbandverfügbarkeit bis 2018 in Deutschland. 64% davon stehen bereits zur Verfügung und bis 2016 soll die Hälfte des Ausbaubedarfs erledigt sein. Man wolle dabei unter anderem die durch Digitalisierung freigewordenen Rundfunkfrequenzen nutzen. Der ertragreich klingende und zur Investition anregende Begriff für die freigewordenen Frequenzen nennt sich "Digitale Dividende".

Ein wichtiges Instrument zur Durchführung dieser Vernetzungsaufgabe sei die kürzlich gegründete Netzallianz Digitales Deutschland, welche diverse Netzbetreiber und Unternehmen der Telekommunikationsbranche an einen Tisch bringt. Innenminister de Maizière plädierte für eine Förderung der Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen in diesem Segment. Er wünsche sich, dass der Zuschlag für europäische Netzausbauvergaben auch an europäische Firmen gehe.

Digitale Agenda 2014 Alexander Dobrindt
Digitale Agenda 2014 - Verkehrsminister Alexander Dobrindt
Die anschließende Fragerunde zeigte, wie breit das Medieninteresse an der Digitalen Agenda der Bundesregierung aufgestellt ist. Eine Journalistin der New York Times beklagte die magere Verfügbarkeit von freien WLAN-Einwahlpunkten in Deutschland. Sigmar Gabriel und Thomas de Maizière beantworteten das mit der sensiblen "Störerhaftung". Man sei allerdings dabei, für Cafébetreiber und ähnliche Anbieter freier WLAN-Zugänge eine gewisse Lockerung der Betreiberhaftung vorzunehmen, wolle aber damit keine offenen Türen für strafbare Handlungen schaffen.

Die Frage, warum das Wort "Überwachung" nicht in der Digitalen Agenda auftauche, wurde von den Ministern dahingehend beantwortet, dass Überwachung nicht die Aufgabe der Digitalen Agenda sei. Überwachung werde immer wieder gerne mit Datensicherheit verwechselt. Datensicherheit sei das primäre Anliegen, zumal "Daten die Währung der Zukunft" sein werden.

Autor: Matthias Baumann